Folgen der Rezession
Neue Welle staatlicher Eingriffe naht

Noch ist die Welt mit dem Kampf gegen die globale Rezession beschäftigt, doch schon bald wird das Thema Regulierung wieder in den Vordergrund rücken. Schon jetzt prophezeien Experten eine neue Phase der Regulierung und Reglementierung, der sich in der vernetzten Weltwirtschaft praktisch niemand entziehen kann.

DÜSSELDORF. Die USA sind oft treibende Kraft bei Krisen und Katastrophen. Sie sind aber auch krisenerprobt, was die Folgen angeht. Denn jedem Zusammenbruch, jeder Fehlentwicklung folgte auch eine Regulierungswelle - mit unterschiedlichem Erfolg.

Gerade acht Jahre ist es her, als gigantische und bis dahin unbekannte Bilanzmanipulationen einiger amerikanischer Firmen eine Schockwelle um die Welt schickten. Folge: Mit dem Sarbanes-Oxley-Act installierten die Amerikaner ein Compliance-Korsett für Unternehmen, das selbst hartgesottenen Finanzvorständen den Schweiß auf die Stirn treibt. Geschäftsvorgänge müssen demnach mit Akribie und mit enormem finanziellen und organisatorischen Aufwand dokumentiert werden - alles zum Wohle des Anlegerschutzes.

Die SOX genannten Vorschriften machten nicht bei US-Firmen halt. Trotz teilweise massiver Widerstände in aller Welt sind die Regularieren inzwischen ein Exportartikel der USA: Kein ausländischer Konzern kann es sich leisten, Geschäfte in den Staaten zu betreiben oder gar an der US-Börse notiert zu sein, ohne die SOX-Regeln zu beherzigen.

Jetzt gehen von amerikanischem Boden erneut Erschütterungen aus, die mit den Enron - oder Worldcom-Bilanzierungsskandalen des beginnenden Jahrtausends kaum zu vergleichen sind. Die globale Finanzkrise hat ein Erdbeben ausgelöst, das schon mit der großen Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts verglichen wird. Diesmal, darin sind sich Experten einig, wird auch eine neue Phase der Regulierung und Reglementierung eingeleitet, der sich wegen der vernetzten Weltwirtschaft praktisch niemand entziehen kann.

Rüdiger von Rosen, als Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts kein Freund von Überregulierung, sieht die Entwicklung ganz nüchtern: "Die auf uns zukommende Regulierungswelle wird nicht bei der Bankenaufsicht oder Rating-Agenturen Halt machen, sondern alle Emittenten treffen." Und: "Die Zeiten der Selbstregulierung durch den Corporate-Governance-Kodex sind weitgehend vorbei", mutmaßt von Rosen. Kein angenehmer Start für den neuen Vorsitzenden der Kodex-Kommission in Deutschland, Klaus-Peter Müller. Der Commerzbank-Chefaufseher und Noch-Bankenpräsident hatte dieses Amt im Sommer von Gerhard Cromme übernommen, der die Corporate-Governance-Kommission im Auftrag der Bundesregierung seit Gründung vor neun Jahren leitete. Müller startet mit seiner neuen Aufgabe zu einer Zeit, in der Selbstregulierung vermutlich so stark in Zweifel gezogen wird, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Der freiwillige Governance-Kodex stellt Regeln zur guten und transparenten Unternehmensführung auf.

Die Finanzkrise hat unter den Experten eine heftige Debatte um die Kontrolle von Märkten und Managern ausgelöst. Noch sind die politischen Kräfte in aller Welt vor allem mit dem Kampf gegen die globale Rezession beschäftigt. Doch schon bald wird das Thema Regulierung in den Vordergrund rücken. Ist die Wirtschaft überhaupt in der Lage, sich selbst zu organisieren und zu kontrollieren? Wird diese Frage mit grundsätzlich mit einem "Nein" beantwortet, könnte das weitreichende Folgen haben. Karlheinz Hornung ahnt daher nichts Gutes. "Hätten wir keinen Kodex, hätte uns der Gesetzgeber schon mit Gesetzen vollgeworfen", sagt der Finanzchef des Lkw-Herstellers MAN.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%