Foodwatch macht unter anderem verdummende Werbung als Ursache aus
Künasts Agrarwende lässt auf sich warten

Auf dem Höhepunkt der BSE-Krise versprach Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) 2001 die Agrarwende in Deutschland. Bis 2010 sollte der Anteil der Öko-Landwirtschaft von damals 2 auf 20 Prozent steigen. Getrieben von der Angst vor dem Rinderwahnsinn zogen die Verbraucher mit. Ökofleisch gab es flächendeckend im Supermarkt. Der Absatz mit ökologischen Lebensmitteln hatte Zuwachsraten von 20 bis 30 Prozent.

BERLIN. Die Euphorie von damals ist der Ernüchterung gewichen. Der Öko- Anteil dümpelt im laufenden Jahr bei 4 %. Die für Ökoanbau genutzte Fläche wuchs 2003 nur noch um 4,5 %, nach 10 % im Vorjahr. Auch wenn die Zahl der Biobetriebe im vergangenen Jahr noch um 1,6 % zulegte, sind die ersten bereits pleite. Biofleisch gibt es zwar noch in Supermärkten mit gehobenem Wohnumfeld. Auch die Bio-Obstecke bei Kaisers und Co. hat überlebt, und spezielle Bio-Supermärkte gehören in den Ballungszentren zum Straßenbild. Doch die Massenkundschaft hat ihr Interesse an Ökoprodukten verloren.

„Die Agrarwende ist gescheitert“, sagt Thilo Bode, Geschäftsführer von Foodwatch. Schuld daran sei nicht der Verbraucher. Dessen „Aldi-Mentalität“ prangere Künast zu Unrecht an. Der Ministerin wirft der frühere Chef von Greenpeace Deutschland vielmehr vor, zum Schaden der Okölandwirschaft Frieden mit Bauernpräsident Gerd Sonnleitner gemacht zu haben. Sie lasse zu, dass die Ökobetriebe weiter mit verzerrten Wettbewerbsbedingungen und einer auch noch staatlich geförderten verdummenden Werbung leben müssten.

Am deutschen Schweineschnitzel machte Food-Watch jetzt die Probe aufs Exempel: Mit 13 Euro kostet ein Kilo ökologisch erzeugtes Schweinefleisch immer noch fast doppelt so viel wie herkömmliches Schnitzel mit 7 Euro. Nur Gutbetuchte können sich das leisten. Würden jedoch alle Umweltkosten, die die konventionelle Schweinezucht verursacht, auf die Mastbetriebe umgelegt, und könnten die Biobauern die preiswerten Vertriebssysteme der konventionellen Produkte nutzen, änderte sich das Bild dramatisch. Das „normale“ Schnitzel würde 50 Cent teurer, das Ökoschnitzel 4,50 Euro billiger, weil die Ökozucht pro Kilo nur 2 Cent Umweltkosten verursache, so Foodwatch.

Die Umweltkosten werden von der Allgemeinheit getragen. Im Jahr geht es dabei um 1,75 bis 2 Mrd. Euro, die durch Kohlendioxidemissionen sowie die Verschmutzung von Wasser mit Phosphaten, Nitraten und Pflanzenschutzmitteln entstünden, berichtet Thomas Korbun vom Institut für ökologische Wirtschaftsförderung (IÖW), das die Schnitzelfrage untersuchte.

61 000 Ökoschweine stünden 10,5 Millionen Mastschweinen gegenüber, berichtet Matthias Wolfschmidt von Foodwatch. Dieser geringe Marktanteil von 0,5 % ist dafür verantwortlich, dass die Vertriebskosten vom Transport zum Schlachthof bis zur Ladentheke pro Kilo um 4 Euro teurer sind als bei konventioneller Massenware. Außerdem können nur 50 % des Bioschweins ökologisch vermarktet werden, der Rest geht in die konventionelle Schweinewurst. Dass es auch anders geht, zeigt Edeka-Nord. Es vertreibt sein Ökofleisch zusammen mit konventionellen Schnitzeln. Die Folge: Der Kunde zahlt nur 1,50 Euro zusätzlich für umweltfreundliche Bioqualität.

„Dieses Beispiel muss Schule machen“, fordert Bode. Von Künast verlangt er – EU hin oder her – mit Stickoxid- und Pestizidabgaben für eine „Internalisierung“ der Umweltkosten zu sorgen. Noch eins will der Vorkämpfer für den Ökolandbau von der grünen Ministerin: Sie soll die von den Bauern und über EU-Zuschüsse finanzierte Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) auflösen. Sie wurde 1969 gegründet, um den Absatz deutscher Landwirtschaftsprodukte zu verbessern. „Unsäglich“ findet Bode die platte Werbekampagne der CMA. Sie verdumme den Verbraucher, indem sie ihm einrede, Fleisch sei gleich Fleisch. Auch das Qualitätssiegel QS hält Bode für einen schlechten Witz. Er plädiert stattdessen für differenzierte gesetzliche Kennzeichnungspflichten.

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