Forderung nach großer Steuerreform: Roland-Berger-Chef warnt Politik vor Pessimismus

Forderung nach großer Steuerreform
Roland-Berger-Chef warnt Politik vor Pessimismus

Der Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, Burkhard Schwenker, warnt die Parteien vor zu viel Pessimismus in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise. „Vertrauen ist im Moment die wichtigste Währung“, sagte Schwenker dem Handelsblatt.

BERLIN. „Das entsteht nicht durch wenige Euro mehr im Portemonnaie, sondern nur durch Selbstbewusstsein und Vertrauen in unsere Leistungsfähigkeit.“ Die deutschen Unternehmen seien besser strukturiert als je zuvor, betonte Schwenker: „Das kann uns Zuversicht geben.“ Vor allem aber müsse diese Botschaft auch vermittelt werden. Schwenker steht seit 2003 an der Spitze von Roland Berger. 2007 erzielte das Beratungsunternehmen in 25 Staaten 700 Mill. Euro Umsatz.

Das zweite Konjunkturpaket könne nur wirken, wenn es Selbstvertrauen schaffe, sagte Schwenker. „Nur so kommen wir aus der Delle.“ Es sei längst nicht ausgemacht, dass es zu einer lang andauernden Wirtschaftskrise komme. „Jedes Unternehmen nutzt jetzt die Gelegenheit, alle Risiken so weit wie möglich in die Bilanzen zu packen, weil in dieser Phase ohnehin niemand exzellente Zahlen erwartet.“

Es liege im Trend der Zeit zu sagen, 2009 sei ein schwieriges Jahr. „Allein durch diese Mechanismen wird vieles nach unten gerechnet, was am Ende vermutlich gar nicht so stattfinden wird“, sagte Schwenker.

Dies sieht die EU-Kommission offenbar ähnlich, die gestern ihre Wachstumsprognose für Deutschland bekanntgegeben hat. Danach sinkt die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr zwar um 2,3 Prozent. Allerdings könne es schon im zweiten Halbjahr wieder aufwärts gehen – dank kräftiger Zinssenkungen und milliardenschwerer Konjunkturprogramme.

Auch deshalb warnte Schwenker die FDP davor, nach der erfolgreichen Wahl in Hessen das deutsche Konjunkturpaket im Bundesrat zu blockieren. „Die geplanten Infrastrukturmaßnahmen werden unserer Wirtschaft auf jeden Fall helfen“, sagte er. Und auch die von der FDP kritisierte Abwrackprämie für alte Autos könne Wirkung entfalten. Dies habe das Beispiel Frankreich gezeigt. „Wenn man bedenkt, dass man für 12 000 oder 15 000 Euro ein gutes Auto bekommt, sind 2500 Euro eine Menge Geld.“

Die beschlossenen Steuererleichterungen würden dagegen nicht dazu beitragen, den Konsum anzukurbeln, ist der Roland-Berger-Chef überzeugt. Deshalb fordert er weitergehende Maßnahmen: „Erstens hätte man die Mehrwertsteuer senken und damit ein echtes Signal setzen können. Zweitens haben wir es verpasst, eine ordentliche Steuerreform auf den Weg zu bringen.“ Eine niedrigere Mehrwertsteuer hätte deutlich mehr Geld für den Konsum bedeutet. „Es wäre ein deutliches Signal gewesen“, so Schwenker. „Aber vielleicht gibt es ja in drei oder vier Monaten ein drittes Konjunkturpaket.“

Großes Potenzial sieht Schwenker bei den Umwelttechnologien. Dazu hatte er vergangene Woche vor der SPD-Bundestagsfraktion referiert, als diese das Konjunkturpaket beriet. Die Parteien suchten nach Wachstumsfeldern in der Wirtschaft, sagte Schwenker: „Die Umwelttechnik gehört zu den Bereichen, die auch 2009 wachsen werden.“

Fragen der Rohstoff- und Energieeffizienz spielten für Firmen selbst in Krisenzeiten eine große Rolle. „Niemand geht davon aus, dass die Rohstoffpreise mittelfristig auf dem Niveau bleiben, auf dem sie im Moment sind. Sie werden wieder steigen.“ Die Umweltindustrie biete die Chance, Beschäftigung aufzubauen, während andere Industrien über Produktivitätsschübe eher Personal abbauten. „Wir gehen davon aus, dass der Markt in den kommenden zehn Jahren um das Zweieinhalbfache zulegen wird. Damit überholt dieser Sektor die Automobil- und Chemieindustrie.“ Anlagenbau, Elektrotechnik, Maschinenbau und Dienstleister profitierten.

SPD-Fraktionschef Peter Struck teilt Schwenkers Sicht: Die Umwelttechnologie werde „in wenigen Jahren“ die Automobilbranche in ihrer Bedeutung überholen. Die Chancen stünden jetzt gut, weil auch der neue US-Präsident Barack Obama massiv in die Umwelttechnik investieren wolle, sagte Schwenker. „Die Amerikaner haben schlicht erkannt, dass sich hier Geld verdienen lässt. Ihre Zurückhaltung in der Klimapolitik dürfte sich deshalb auch bald ändern.“ Aber auch China investiere massiv, um die Konjunktur zu stützen. „Für die deutschen Anbieter schafft dies neue Märkte.“

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%