Forscher
Gerngesehener Besuch für Atomkraft

Die Forscher im Felslabor Mont Terri freuen sich über jeden Gast. Man lasse sich jederzeit gerne über die Schultern schauen, beteuern sie gegenüber ihrem Besuch, einer Journalistengruppe aus Deutschland. Sie könnten gerne bei Gelegenheit wieder vorbeischauen. Und das ist nicht das Einzige, was die Schweiz in der Debatte um Atomkraft von Deutschland unterscheidet.

BERN. Hier, tief in den Felsen des Kantons Jura im Nordwesten des Landes, erforschen die Schweizer die Möglichkeiten zur Lagerung abgebrannter Brennstäbe aus ihren Atomkraftwerken. Das geschieht nach strengen, behördlich überwachten Regeln. Aber es geschieht völlig unaufgeregt und transparent. Deutsche Besucher staunen. Wer etwa jemals versucht hat, sich vor Ort über den Stand der Dinge im Erkundungsbergwerk Gorleben zu informieren, das einmal als Endlager für hochradioaktiven deutschen Atommüll dienen könnte, erkennt den Unterschied sofort. Zu Überraschungsbesuchen wird man dort nicht ermuntert.

Das erstaunlich unverkrampfte Verhältnis der Schweizer zur Atomkraft ist leicht erklärt. Eine Mehrheit ist zu dem Schluss gekommen, dass es im Moment zur Kernkraft kaum Alternativen gibt. Fünf Reaktoren sind in der Schweiz am Netz. Sie stehen für rund 40 Prozent der Stromproduktion. Weitere 55 Prozent liefert die Wasserkraft. Der Anteil der mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke ist verschwindend gering, erneuerbare Energien außer der Wasserkraft spielen eine noch unbedeutendere Rolle. Die Windkraft etwa hat in der Schweiz kaum eine Chance – es gibt nur wenige geeignete Standorte und große Bedenken von Landschaftsschützern.

Die Tage der fünf Atomkraftwerke sind gezählt. Die drei dienstältesten Reaktoren werden ab 2020 altersbedingt vom Netz gehen. Gleichzeitig wird ein steigender Stromverbrauch prognostiziert. Höchste Zeit, sich über Ersatz Gedanken zu machen. Denn auch in der Schweiz sind die Genehmigungsverfahren ein mühseliges Geschäft. Für Großprojekte kann man durchaus mit bis zu 25 Jahren rechnen. Im vergangenen Jahr haben Energiekonzerne drei Baugesuche für Kernkraftwerke gestellt. Jetzt beginnen die Mühlen der Bürokratie zu mahlen – langsam, aber kalkulierbar.

Parallel lauscht die Energiebranche sehr aufmerksam der Stimme des Volkes, die in der Schweiz sehr schnell zur entscheidenden Größe werden kann. Per Volksinitiative oder Referendum können die Bürger Entscheidungsprozesse direkt beeinflussen. „Die direkte Demokratie macht den Weg zum Ziel nicht kürzer. Sie zwingt zu pragmatischen Lösungen, mit denen alle Bürgerinnen und Bürger leben können“, sagt Nationalrätin Ursula Haller von der Bürgerlich Demokratischen Partei (BDP). Der Stimmbürger lasse sich nur von der Notwendigkeit des Baus neuer Kernkraftwerke überzeugen, wenn er sich sicher sei, dass alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft seien.

Es ist beileibe nicht so, als wären die Schweizer ein Volk von Kernkraft-Fans. Es gibt viele Kritiker, die sich nachdrücklich Gehör verschaffen. Doch bei einschlägigen Volksabstimmungen behielten sie in den vergangenen Jahren nicht mehr die Oberhand. Ein bereits beschlossenes Moratorium wurde wieder aufgehoben, für einen Ausstieg aus der Kernenergie fand sich keine Mehrheit mehr.

„Wir reden bewusst nicht von einer Renaissance der Kernkraft“, sagt Urs Näf vom schweizerischen Wirtschaftsverband Economiesuisse. Der Verband führt Kampagnen für den Neubau von Kernkraftwerken. Näf will gerade nicht den Eindruck erwecken, in der Kernkraft liege die Lösung aller energiepolitischen Probleme. Näf propagiert eine Steigerung der Energieeffizienz, den Einsatz von Wärmepumpen und Solarthermie zur Beheizung von Gebäuden, die Leistungserhöhung bestehender Wasserkraftwerke und – als Übergangslösung – den verstärkten Einsatz von Gaskraftwerken. Und weil das nach seiner Überzeugung am Ende alles nicht reicht, um die drohende Lücke zu stopfen, muss die Kernkraft her. Mehr und mehr Bürger folgen dieser Argumentation.

Im Felslabor Mont Terri nutzen derweil Wissenschaftler aus dreizehn verschiedenen Forschungsinstitutionen die günstigen Rahmenbedingungen, darunter auch Forscher der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) mit Sitz in Köln. Erforscht wird hier die Eignung von Opalinuston für die Lagerung von Atommüll. Die Opalinuston-Formationen sind gerade auch in Süddeutschland sehr verbreitet. Um die Frage, ob man sie überhaupt auf ihre Eignung für die Endlagerung untersuchen sollte, gibt es allerdings einen großen politischen Streit.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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