Franz Müntefering
Der verhinderte Gegenkanzler

Seit zwei Jahren bildet Bundesarbeitsminister Franz Müntefering die Klammer der Großen Koalition. Seit zwei Wochen behandelt ihn die SPD wie einen lästigen Querulanten. Aber der Vizekanzler lässt sich davon nicht einschüchtern – und sagt klar, wofür er sich streiten will.

BERLIN. Auf der Fensterbank ein Paar rote Boxhandschuhe. Der Schreibtisch begraben unter prallgefüllten Aktendeckeln. Im Regal ein Fußball. Andy Warhols Brandt-Porträt an der Wand. Nichts deutet auf einen baldigen Auszug hin. "Wer vermutet, ich wolle hinschmeißen, der irrt", sagt Franz Müntefering. Eine Strähne seiner sonst so streng nach hinten gekämmten Haare legt sich über die Stirn. "Es geht um die richtige Politik. Dafür will ich streiten."

Seit zwei Jahren bildet der Vizekanzler die Klammer der Großen Koalition. Doch in den vergangenen Tagen hat ihn seine Partei behandelt wie einen lästigen Querulanten. Im Streit über die längere Zahldauer des Arbeitslosengeldes gebe es Kurt Beck und die große Mehrheit der Partei auf der einen Seite, hat etwa Fraktionschef Peter Struck gesagt. Auf der anderen Seite stehe der Arbeitsminister. Nur er. "Müntefering in der SPD isoliert", hat die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" darauf getitelt. "Es wäre falsch, wenn ich sagen würde, dass mich solche Berichte nicht beeindrucken", gesteht der Mann, der seit 41 Jahren das SPD-Mitgliedsbuch besitzt und lange als Inkarnation des loyalen Parteisoldaten galt: "Aber morgen gibt es eine neue Zeitung."

Die Blätter vom Freitag sollen nach Münteferings Willen ganz andere Aufmacher haben. Darin soll es um die Sicherung des Wachstums gehen, um den Rückgang der Arbeitslosigkeit und um die Schaffung von neuen Jobs mit "guter Arbeit". Das sind die zentralen Themen der Regierungserklärung, die der 67-Jährige heute im Bundestag abgeben will.

Erstmals nutzt er diese Plattform, um demonstrativ den sozialdemokratischen Anteil am großkoalitionären Regierungshandeln herauszustreichen. Als roter Gegenkanzler will er einmal "den Gesamtzusammenhang beschreiben", weil einige "vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen".

Doch wenig von seiner positiven Botschaft dürfte den Weg in die Nachrichten finden. Die Augen und Ohren der Öffentlichkeit sind auf den parteiinternen Streit mit Beck gerichtet. "Die Diskussion lenkt ab von dem sozial Guten, das wir tun", analysiert Müntefering. Die Regierungserklärung hatte er schon vor der Kabinettsklausur in Meseberg geplant und mit CDU-Kanzlerin Angela Merkel besprochen. "Man hätte sie absagen können. Aber das wäre noch spektakulärer gewesen."

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