Franz Müntefering im Interview: „Die Geiz-ist-geil-Mentalität hat viel versaut“

Franz Müntefering im Interview
„Die Geiz-ist-geil-Mentalität hat viel versaut“

Er hat die Hartz IV-Reformen in der SPD-Fraktion durchgedrückt. Zehn Jahre nach der Einführung zieht Franz Müntefering Bilanz. Dabei kommen die Unternehmen schlecht weg. Und die aktuelle Rentenpolitik sowieso.
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Wenn er durch die Menschenmenge am Düsseldorfer Hauptbahnhof geht, fällt Franz Müntefering gar nicht auf. Wären da nicht die Passanten, die den Ex-Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion immer wieder mustern. Erst irritiert, beim zweiten Blick erkennen sie ihn.

Das passiere ihm oft, sagt der Ex-Vizekanzler, der die Arbeitsmarkt-Reform und Hartz IV mitverantwortet hat. Fast immer werde er im Zug angesprochen. Manche steckten ihm Zettelchen mit ihren Sorgen zu. Müntefering nimmt´s gelassen. So sei das eben als Politiker, sagt er. Heute, auf dem Weg zum Interview von Herne nach Düsseldorf, hat ihn in der S-Bahn allerdings niemand angesprochen. Als die Aufnahmegeräte angeschaltet sind, ist Müntefering dann ganz Politiker.

Zehn Jahre nach der Einführung der Hartz-Reformen am Arbeitsmarkt ist Hartzen längst in der Jugendsprache angekommen.
Franz Müntefering: Das stimmt teilweise. Es gibt Schulklassen in Berlin, in denen kein einziger Schüler Eltern hatte, die nicht arbeitslos waren. Es ist deprimierend für die Jungen, wenn sie das Gefühl bekommen, dass unsere Gesellschaft sie und ihre Familien nicht braucht. Es gibt aber Wege, diesen Menschen Chancen zu eröffnen und Mut zu machen für Beruf und Zukunft.

Genau das war ein Ziel von Hartz IV – Jugendliche aus der Arbeitslosigkeit herauszuholen.
Die Auflage hieß: Wer unter 25 Jahre alt ist und Leistungen nach SGB II beantragt, wird unverzüglich vermittelt. Wenn Sozialdemokraten das sagen, fällt schnell das Wort Zwangsarbeit, ich habe mir viel dazu anhören müssen.

Zwangsarbeit ist es nicht geworden, aber viele Jugendliche landeten in einem aufgeblähten Übergangssystem.
Unbestritten. Doch wenn die Politik nicht neue Wege sucht, werden auch keine gefunden. Und Hunderttausende haben ja auch echte Chancen bekommen.

Die Hartz-Reformen waren in Ihrer Partei höchst umstritten. Warum haben Sie das gemacht?
Die Situation am Arbeitsmarkt konnte so nicht bleiben. Bis 2004 gab es zwei Systeme für Langzeitarbeitslose, zwei unterschiedliche Leitungen. Einmal vom Lohn abgeleitete Arbeitslosenhilfe und Vermittlung. Andererseits mehr als 400.000 Sozialhilfeempfänger, darunter viele junge Menschen, die nicht gefördert und nicht gefordert wurden. Aussortierte. Wir meinten: Wer kann, hat das Recht und die Pflicht, beizutragen zum Gelingen unserer Gesellschaft und muss seinen Lebensunterhalt selbst erarbeiten können.

Aus Ihrer heutigen Sicht: War die Einführung von Hartz IV richtig?
Ja, und zwischen 2005 und 2010 ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen auf unter eine Million gesunken. Wenn das kein Erfolg ist, was dann?

Kommentare zu " Franz Müntefering im Interview: „Die Geiz-ist-geil-Mentalität hat viel versaut“"

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  • Ich möchte weder in China, Nordkorea, Kuba, USA, Frankreich oder Italien noch sonstwo leben. Die SPD hat unter Schröder vieles besser gemacht als andere.

  • Wenn Hr Müntefehring das so gesagt hat, ist dem nichts hinzuzufügen. Er hat Recht. Jede Leistung hat ihren Wert, wenn es auch ein kleiner ist. Die Anspruchshaltung vieler Mitmenschen auf kostenlose oder kostenarme Leistungen ist nicht in Ordnung.

  • "...mehr als 400.000 Sozialhilfeempfänger, darunter viele junge Menschen, die nicht gefördert und nicht gefordert wurden"
    Also hat man langjährig Beschäftigte, die das Pech hatten älter und arbeitslos zu werden, enteignet (Entzug der Arbeitslosenhilfe).
    Zugunsten der Verantwortlichen kann man annehmen, dass das System nur schlecht gemacht ist und nicht absichtlich ungerecht. Würde man Unternehmer so enteignen, wäre das Geschrei noch viel größer.

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