Franz Müntefering
Rücktritt ins Leben

Mit großem Ernst entscheidet sich Franz Müntefering gegen die Politik und für seine kranke Frau. Seine Partei hat ihm den Abschied allerdings zuletzt auch leichtgemacht. Eine Handelsblatt-Reportage über eine Karriere für die SPD und für die deutsche Politik.

BERLIN. Es gibt größere Niederlagen als jene, die in der Politik bereitliegen. Selbst wenn viele Politiker befürchten, die Welt hielte an, wenn eine Wahl, eine Abstimmung verloren gehe. Doch um die Existenz geht es allenfalls da, wo der Ausnahmefall exerziert wird. Wenn es um Leben und Tod geht.

Franz Müntefering hat selten so getan, als drohe die ganze Welt aus den Fugen zu geraten, wenn es mal mit dem Mindestlohn, dem Arbeitslosengeld oder auch mal mit seiner SPD nicht so ging wie vorgesehen. Zumindest: Man konnte den Eindruck gewinnen, dass solches Geschäft für Franz Müntefering nicht die Welt aus den Angeln hob. Bei allen Beteuerungen über die noch größeren Dimensionen der Politik hat sich weder der Arbeitsminister noch der Vizekanzler in ihm vom mächtigen Gegner ins Bockshorn jagen lassen. Weder von Kurt Beck noch Angela Merkel. Vom Parteisoldaten zum Koalitionssoldaten aufgestiegen, hielt er stand, auch wenn in letzter Zeit die Winde heftiger und rauer wehten. Trotzig hielt er stets dagegen: „Wer vermutet, ich wolle hinschmeißen, der irrt.“

Zu Vermutungen besteht kein Anlass mehr. Es herrscht Gewissheit. Franz Müntefering hat hingeschmissen. „Es sind ausschließlich private Gründe, keine politischen, ausdrücklich nicht. Ich würde mich freuen, wenn ganz viele das akzeptieren“, klärte gestern Abend ein in sich ruhender, gelassener Politiker die Bundespressekonferenz auf. Gestern vor dem Spitzentreffen der Koalition habe er den seit Tagen gefassten Entschluss bekanntgemacht, um den Eindruck zu vermeiden, „dass das in irgendeiner Weise vom Ausgang des Treffens abhängig gewesen sei“.

Dennoch macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube und stellt der Verhandlungsführerin der Union, Bundeskanzlerin Angela Merkel, im Rückblick dezent, aber klar ein miserables Zeugnis aus: „Jeder Mensch kann sich ja noch bessern, keiner wird abgeschrieben.“

Dabei hatten viele in den vergangenen Wochen Müntefering abgeschrieben. In der Summe wogen seine herben Niederlagen ganz gewaltig. Sie zeichnen nach außen den Abwärtsbogen einer Karriere für die SPD und für die deutsche Politik. Aber es gab wohl noch mächtigere Gegner. Zumindest mächtigere Beweggründe.

Denn womöglich ist das reale und nicht immer das nach außen gewendete Leben wirklich viel, viel unerbittlicher, als es sich Parteistrategen in ihren abgefeimtesten Planspielen ausmalen können. Franz Müntefering ist in diesem Sinne – in der Realität diesseits der Politik – kein Unversehrter. Seit einigen Jahren ist seine Frau Ankepetra an Krebs erkrankt, und wie immer in einem solchen Fall: schwer und dann schwerst erkrankt.

Jene, die Müntefering gut kennen, wissen nicht nur, wie selbstverständlich er seiner Frau Tag und Nacht zur Seite steht, egal was da komme in der Politik, ob Beck, ob Merkel, ob sonst wer. Sie wissen, dass es seit vergangener Woche nach einer weiteren Operation – der fünften – nicht bessersteht um Ankepetra Müntefering.

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