Franz Walter im Interview
„Grüne werden Lust und Last erfahren“

Im Saarland ist nach der Landtagswahl rechnerisch eine Jamaika-Koalition von Grünen, CDU und FDP möglich. Parteienforscher Franz Walter spricht im Handelsblatt-Interview über die Koalitionsoptionen und Perspektiven der Grünen - und warum die neue Unübersichtlichkeit im Parteienspektrum einiges ins Rutschen bringen wird.

Handelsblatt: Im Saarland ist nach der Landtagswahl rechnerisch eine Jamaika-Koalition von Grünen, CDU und FDP möglich. Glauben Sie, dass ein solches Bündnis auch politisch möglich ist?

Franz Walter: Gut behandelt worden sind die Grünen von Oskar Lafontaine in den letzten Monaten nicht. Das war der einzige strategische Fehler, der ihm in dieser Zeit unterlaufen ist. In der Kohlefrage liegen Grüne und Rest-Bürgerliche auch nahe zusammen. Aber ob die Grünen einem dezidierten Verlierer, der zuvor absolut regiert hat, so noch einmal die Macht sichern können? Gewiss ist: Die Union wird den Grünen schmeicheln und sicher die attraktivsten Angebote machen. Aber es dürfte plausiblere Ausgangslagen für einen ersten Jamaika-Versuch geben als im Saarland.

Vertrüge sich ein Jamaika-Versuch im Saarland denn mit der Absage der Grünen an Jamaika im Bund?

Die Saar-Grünen haben - anders als die Bundespartei - Jamaika ja nicht ausgeschlossen. Dennoch: Die neue Konstellation der Unübersichtlichkeiten wird herkömmliche Fixierungen und Konventionen einfach ins Rutschen bringen. Und die Grünen werden als neues Zünglein an der Waage Lust und Last ihrer Scharnierrolle im Prozess der parlamentarischen Mehrheitsbildung erfahren.

Was würde die Öffnung für die Bundestagswahl bedeuten?

Dass alles auf einmal ganz offen erscheint. Man weiß dann nicht mehr sicher, wie das Spiel ausgeht. Das zieht plötzlich mehr Zuschauer, sprich mehr Wähler an. Aber ob dadurch das politische Interesse zurückkehrt?

Und mittelfristig?

Man könnte wie üblich sagen: Die politischen Fronten mischen sich neu. Oder: Die Lager lösen sich auf. Aber es könnte bei allzu viel Beliebigkeit in der Koalitionsbildung ebenso gut ein rascher Bedarf nach scharfen Konturen, eindeutigen Botschaften und Richtungen zurückkehren.

Bisher kommen die Stimmen der Grünen aus dem rot-grünen Lager. Müsste die Partei mit Wählerverlusten rechnen, wenn sie mit dem bürgerlichen Lager anbandelt?

Bei den Landtagswahlen am Sonntag floss nichts mehr von Linken an die SPD oder die Grünen. Auch bei einigen Landtagswahlen zuvor - siehe vor allem in Bayern - nährte sich der Zuwachs der Grünen aus dem Reservat von CDU und CSU. Die Grünen sind wirklich bürgerlicher geworden. Wenn sie nachvollziehbar begründen können, was sie tun, zieht der Kern ihrer durchaus reflexiven Wählerschaft mit, auch wenn es Richtung Jamaika geht. Sieht es hingegen nach purem Opportunismus aus, werden die Grünen furchtbar abstürzen.

Was würde Jamaika an der Saar für die Union bedeuten?

Im Grunde wird das Einschnitt und Einsicht sein, dass die alten bürgerlichen Horizonte nur noch Nostalgie sind. Das bürgerliche Lager à la Adenauer oder Kohl wird peu à peu bedeutungslos. Eine Chance hat es nur, wenn es sich neu definiert - und um die abtrünnige Generation der früheren Ökopazifisten und deren Kinder erweitert.

Und was hieße Jamaika für die FDP?

Von der sozialen Lage und ihrer wirtschaftlichen Stellung her sind Freie Demokraten und Grüne ja wie Zwillinge. Wahrscheinlich gerade deshalb gibt es das massive Abgrenzungsverlangen zwischen den beiden. Sie haben unterschiedliche Lebensgeschichten zu erzählen und dadurch andere Normen und Sichtweisen aufgebaut. Sie werden sich in der Tat miteinander schwertun.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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