„Freundliche Übernahme“
Bundeswehr übernimmt Facebook-Seite von Ex-Zivi

Bislang hat ein früherer Zivildienstleistender die beliebteste Bundeswehrseite bei Facebook geleitet. Nun übernimmt das offizielle Social-Media-Team der Truppe. Mit Genehmigung – aber ohne Ablösesumme oder Entschädigung.
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DüsseldorfTobias Velten war Kriegsdienstverweigerer. Die Bundeswehr findet Velten, inzwischen 29 Jahre alt, aber trotzdem toll. Deshalb hat der ehemalige Zivildienstleistende, der heute als Mediengestalter arbeitet, vor zwei Jahren eine inoffizielle Facebook-Seite für die Bundeswehr gegründet und seitdem alleine unterhalten. „Als Hobby“, sagt Velten im Gespräch mit Handelsblatt Online. Und um den vielen Falschinformationen, die bis dahin in dem Sozialen Netzwerk auf anderen Seiten kursierten, eine seriöse Quelle entgegenzusetzen. Seine Bundeswehr-Seite ist höchst erfolgreich: Die Seite hat über 220.000 Fans zum Gefällt-mir-Klick verleitet, regelmäßig liken und kommentieren tausende Nutzer die Fotos von Panzern, Soldaten im Einsatz und Gefechtsübungen.

Die offizielle Seite der Bundeswehr „Wir.Dienen.Deutschland.“ hatte bis Anfang der Woche nur gut ein Zehntel der Fans. Jetzt läuft sie aus, wird nicht mehr aktualisiert. Denn zum 1. Oktober hat das Social-Media-Team der Bundeswehr die Seite von Tobias Velten übernommen. In Absprache. Bezahlt wird Velten für sein Engagement nicht. „Von uns hat er kein Geld erhalten“, sagt Peter Nelte, Hauptmann und Mitglied des Social-Media-Teams der Bundeswehr. Weder für sein bisheriges Engagement, noch als Ablösesumme für die Menge an Fans. Velten bestätigte das auf Anfrage von Handelsblatt Online. Auch habe er niemals Geld mit der Seite verdient. „Werbeangebot gab es aber zu genüge“. Die Bundeswehr teilt mit, dass sie einen Vertrag mit Velten aufsetzen will. Er soll das Team künftig beraten. Eine weitere Arbeitskraft sei im Budget aber nicht eingeplant. Die Personalausgaben betragen bei der Bundeswehr mit erwarteten 10,77 Milliarden Euro übrigens gut ein Drittel des Verteidigungshaushalts der Bundeswehr 2013.

Die bisherige Arbeit Veltens wird von den Fans fast durchgehend gelobt. Doch nicht allen Nutzern gefällt die Umstrukturierung. So schreibt etwa Christian Fischer: „Ich bin skeptisch, lasse mich aber gerne eines besseren belehren. Ich fürchte nur, dass ab morgen nicht mehr so viele Nachrichten kommen werden à la „Unfall dort“, „Feuergefecht da“, da man ja die Öffentlichkeit von so was eigentlich gerne fernhält.“

Ein anderer Nutzer, offenbar selbst Soldat, nutzt die Umstrukturierung, um die Social-Media-Strategie der Bundeswehr zu kritisieren: „Hier gibt es für die Bundeswehr in Sachen Social Media und PR noch sehr viel zu lernen und nachzuholen. 2013 liegen die Streitkräfte in weiten Teilen immer noch mehrere Jahre zurück. Im Grunde benötigt jeder Verband bis auf Bataillonsebene einen SM-Auftritt/-Beauftragten, der die Öffentlichkeit und Interessierte über Aktuelles informiert.“

Das ist genau der Knackpunkt: Die Social-Media-Strategie der Bundeswehr war bislang recht zögerlich. Eine richtige Redaktion für die Sozialen Medien gibt erst erst seit Anfang des Jahres. „Bei großen Organisationen dauern diese Prozesse einfach“, sagt Nelte. Hinzu kommt, dass bei der Bundeswehr viele Zuständigkeiten noch an verschiedenen Orten verteilt sind. So läuft der Bundeswehr-Flickr-Fotoaccount nicht nur von St. Augustin aus, sondern auch unter dem Namen „augustinfotos“, der Twitter-Account hieß früher „Bundeswehrrss“ und ist auch unter dem neuen Namen @bundeswehrinfo bislang nicht viel mehr als ein RSS-Feed. Und die Youtube-Seite wird auch bislang noch nicht vom Social-Media Team verantwortet. Das alles werde sich zu Beginn nächsten Jahres ändern, versichert Nelte. Prozesse, die dauern.

Auf der anderen Seite muss man der Bundeswehr zugute halten, dass sich jetzt etwas tut. Findet Nutzer Daniel Wittwer, der auf Facebook schreibt: „ Ich find es gut, dass sich die Bundeswehr selber mit beteiligen möchte, und ich finde es auch sehr gut, dass die Seite weiter bestehen bleibt.“

Dass sich die Bundeswehr selbst beteiligen möchte, hat aber einige Zeit gedauert. Velten hat nach eigenen Angaben schon früher der Bundeswehr seine Seite angeboten. Nicht ohne Grund: Zwei bis drei Stunden pro Tag widmete der Mediengestalter der Bundeswehr-Seite bislang – und das in seiner Freizeit. Sascha Stoltenow, selbst lange Soldat und als Bendler-Blogger im Netz unterwegs, berichtet, dass Velten mehrmals abgelehnt worden sei. Hat die Bundeswehr also bloß jetzt das enorme Fanpotential nutzen wollen – und es vorher verschlafen, sich darum zu kümmern? Vielleicht. Social-Media-Hauptmann Nelte sagt, Velten habe sich damals an das Karriere-Portal der Bundeswehr gewandt (– die, Sie ahnen es, wiederum eine eigene Facebook-Seite haben). So habe es einfach einige Zeit gedauert, bis man zusammengefunden habe.

Tobias Velten will jetzt erst mal zwei bis drei Wochen „Facebook-Urlaub“ machen. Doch dass der nun offiziellen Bundeswehr-Seite der Wechsel gut tut, ist er sich sicher. Die Fans sind da eher skeptisch.

huGO-BildID: 30544442 Jonas Jansen Handelsblatt Online 4 / 2013 Quelle: Handelsblatt Online
Jonas Jansen
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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