Friedrich Merz
Ohne Handbremse

Der Vollblutpolitiker Friedrich Merz will nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Die Politik der angezogenen Handbremse, die er in Berlin ausgemacht hat, ist seine Sache nicht. Zudem weiß Merz: Finanz- oder Wirtschaftsminister kann er immer noch werden. Eine Handelsblatt-Reportage.

BERLIN. Männchen machen hat Friedrich Merz nie gelernt. Das Zeug zum professionellen Opportunisten geht ihm ab, also die vornehmste Qualifikation, auf Lebenszeit ein politisches Mandat auszufüllen – egal, was da komme.

„Ich habe die Entscheidung, nicht erneut zu kandidieren, schon Ende vergangenen Jahres getroffen. Auch den Zeitpunkt der Bekanntgabe. Das soll vor dem 5. Februar sein, vor der Sitzung der Kreisvorstandssitzung geschehen. Das ist hiermit geschehen“, sagt Merz dem Handelsblatt.

War was? Ja, da war was.

Auf Friedrich Merz ist in den vergangenen Jahren sehr viel zugekommen: eine Parteichefin Angela Merkel, die ihn brutal vom Fraktionsvorsitz verdrängte; ein Dauerzwist mit dem von ihm verachteten CSU-Chef Edmund Stoiber; ein Landesverbandsvorsitzender und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, dessen intellektuelle Unbedarftheit ihn verzweifeln lässt; ein Krach über die Offenlegung sämtlicher Bezüge der Abgeordneten, in dem er als schnöder „Nebenerwerbspolitiker“ angegriffen wurde, und zuletzt noch eine Gesundheitsreform, die er nicht nur für völlig verfehlt, sondern auch für verfassungswidrig hält.

Womöglich wird er aus all diesen Querelen doch noch unverletzt hervorgehen. „Was in Berlin die große Koalition und in Düsseldorf Jürgen Rüttgers macht, ist mit meinen Grundüberzeugungen nicht vereinbar“, sagt er dieser Zeitung. Doch da war noch mehr.

Friedrich Merz ist einer, der stets das Gefühl auslöst, dass er wider besseres Wissen die Wahrheit sagt. In diesem Sinne radikal unpolitisch, markiert er wie kein anderer das Defizit in der deutschen Konsenspolitik: zu sagen und zu handeln, was für richtig gehalten wird. So weit haben die geistigen Zuckerbäcker der großen Koalition, die alles mit dem Puder der Harmonie des großkoalitionären Kompromisses zublasen, Friedrich Merz den Magen verdorben.

Denn der große Kompromiss ist des Sauerländers Sache nicht. Da ist er eher ein Fundamentalist: Was als richtig erkannt ist, muss auch Wirklichkeit werden. Das ist der Job. Doch solche Unbedingtheit strengt an: zunächst ihn selbst. Mehr noch: die anderen.

Viele kennen Merz als politischen Raufbold, der die deutsche Sucht, Politik als Streit wahrzunehmen, befriedigt. Die Grenze zwischen Zwist und Krach indes hat der mit dem Furor des Besserwissenden geplagte Politiker selten respektiert. Lieber warf er, bildlich gesprochen, mit Bierdeckeln um sich. Irgendetwas Provokantes stand da immer drauf. In aller Regel sind es frisch gewonnene Erkenntnisse, die er zu ewig gültigen Wahrheiten erhebt.

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