Führungsfigur der SPD
Steinbrück ist Merkels gefährlichster Gegner

Obwohl die Strecke bis zur nächsten Bundestagswahl noch lang ist, kristallisiert sich im Oppositionslager bereits eine neue Führungspersönlichkeit heraus: Peer Steinbrück. VON BERND ZIESEMER.

BerlinDie Linken in der SPD haben in den innerparteilichen Schlachten der letzten Jahrzehnte ein feines Gespür für Stimmungsumschwünge entwickelt. Deshalb rumort und rumpelt es in diesen Tagen in ihren Reihen, wann immer der Name Peer Steinbrück fällt. Der linke Flügel wollte ihn von Anfang an durch ein langwieriges, funktionärsdemokratisches Verfahren verhindern. Doch nun merken Steinbrücks Widersacher, dass gegenwärtig in Berlin alles auf ihn als künftigen Kanzlerkandidaten der SPD zuläuft.

Obwohl Steinbrück über kein Führungsamt mehr verfügt, sondern nur als einfacher Abgeordneter im Bundestag sitzt, entwickelt er sich zum Herausforderer Angela Merkels. Mehr noch: Gerade weil er sich rarmacht und aus vielen Scharmützeln fernhält, wird er immer gefährlicher für die Kanzlerin. Je größer das Regierungschaos in Berlin, umso mehr wächst die Sehnsucht nach einem Mann wie Steinbrück - also nach Berechenbarkeit statt Beliebigkeit, Standvermögen statt Opportunismus, nach Kontinuität im Handeln und klarer Kante im Entscheidungsprozess. Und es sind gerade bürgerliche Schichten rechts der Mitte, die bei Steinbrück suchen, was sie bei Merkel vermissen. Kein anderer Sozialdemokrat könnte deshalb bei der nächsten Bundestagswahl so weit in die Kernwählerschaft der CDU einbrechen wie Steinbrück.

Keinen anderen SPD-Politiker fürchtet Merkel deshalb auch so sehr wie ihn. Steinbrück strahlt aus, was der Kanzlerin fehlt: ökonomische und finanzpolitische Kompetenz. In freier Rede drückt der Sozialdemokrat die CDU-Chefin mit brutaler Leichtigkeit an die Wand. Aus den Jahren der engen Zusammenarbeit in der Großen Koalition kennt Steinbrück ihre Schwachstellen. Aus Loyalität zögerte er nach seinem Abschied als Bundesfinanzminister lange, diese Kenntnis auch zu nutzen. Doch inzwischen beißt er zu, wenn es richtig wehtut.

Steinbrück stilisiert sich in diesen Wochen selbst zu einer jüngeren Ausgabe von Helmut Schmidt. Der Altkanzler lobt ihn öffentlich - eine Art Ritterschlag. Im Herbst erscheint ein Buch, das lange Gespräche der beiden beim Schachspiel dokumentiert. Spätestens dann umweht den Kandidaten Steinbrück der Hauch des Staatsmännischen. Für einen Herausforderer aus den Reihen der Opposition kann es eigentlich nichts Besseres geben in einer Zeit der Aufgeregtheit und Kurzatmigkeit.

Natürlich kennt jeder die Einwände gegen Steinbrück: zu alt, zu wenig verankert in der eigenen Partei, zu arrogant für die breite Masse, zu wenig durchsetzungsstark als Wahlkämpfer. In normalen Zeiten wären das starke Argumente gegen ihn. Aber gegenwärtig verblassen sie hinter einer einfachen Einsicht: Kein anderer Sozialdemokrat könnte sich auch nur annähernd so große Chancen ausrechnen gegen Merkel wie er. Wer also, wenn nicht Peer?

Bernd Ziesemer ist Publizist und war lange Jahre Chefredakteur des Handelsblatts.

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