Führungskrise
Der Reservekanzler

In Deutschland wächst die Sehnsucht nach einem Machtwechsel: Keiner verkörpert sie so wie Peer Steinbrück. Der Ex-Finanzminister besitzt, was der Kanzlerin fehlt: ökonomischen Sachverstand und den Mut, ihn auch zu gebrauchen.
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DüsseldorfPeer Steinbrück liebt die Wahrheit mehr als das Grundsatzprogramm seiner Partei. Er nennt die SPD mit ihrem Hang zur Sozialromantik "eine verspätete Partei", bezeichnet ihre Funktionäre zuweilen als "Betonfressen". Auch für die amtierende Kanzlerin hat er die Höchstdosis an Wahrheit bereit. Sie habe ihren Zenit überschritten, sagte er gestern.

Seine Wahrheitsliebe, oft derb und deutlich artikuliert, paart sich mit einem ökonomischen Sachverstand, wie ihn die deutsche Politik seit Karl Schiller und Helmut Schmidt nicht mehr erlebt hat. Steinbrück über Steinbrück: "Die Leute dürfen von mir ruhig sagen, was für ein Scheißtyp. Sie sollen jedoch hinzufügen: Aber wenigstens steht er zu dem, was er für richtig hält."

Beide Steinbrücks zusammen, der Wahrheitssprecher und der Chefvolkswirt der Deutschland AG, bilden jenen Politikertypus, dem alles zuzutrauen ist, auch die Kanzlerschaft. Die Tatsache allerdings, dass er mitten in der Legislatur und ohne jedes Parteiamt die Sehnsüchte der Deutschen derart beflügelt, liegt nicht allein an ihm. Es liegt vor allem an ihr. Die Noch-Regierungschefin Angela Merkel produziert Enttäuschung mit jedem Tag, an dem ihre Koalition weiter vor sich hin regiert.

In dieser Situation wirkt Steinbrück wie das Gegengift zur herrschenden Resignation, die sich bis weit in das Bürgertum hinein ausgebreitet hat. Die Steinbrück-Euphorie ist für viele ein Akt der politischen Notwehr. Oder anders gesagt: Ihr Absturz ist sein Aufstieg. Erst ihre Kanzlerschaft hat ihn zum Reservekanzler befördert.

Kommentare zu " Führungskrise: Der Reservekanzler"

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  • Steinbrücks Imagekampagne erinnert bei genauerem Hinsehen an das, was wir schon mal hatten: Zackiges Auftreten, Entschlossenheit, öffentliche Auftritte, markige Worte, Entwurf der "großen allumfassenden Perspektive", der "Allein-alles-richtig-Wisser", die "Einer für alle und alles"-Ein-Mann-Show, die "Zeitenwende" verkündend - das Hitler-Image läßt grüßen, die SA wird vom Medien-Mob ersetzt!

    Seine PR-Berater wissen: Das kommt bei den Deutschen gut an und hilft, wenn sonst nichts mehr hilft - und Steingart, der charakterlose, hilft mit, genau wie die FDP und die Kanzlerin, jeder auf die Weise, wie er kann - alles mit System für die dumme vergeßliche Masse... (schlimmer gehts immer, wie wir erleben dürfen!)

  • Die besserinformieren Schweizer Bürger bangen inzwischen um ihre Freiheiten, auch dort ist "man" nihct untätig - nach deutschem Vorbild!

    Herzliche Grüße in die Schweiz

  • Und enden wird die Angelegenheit "Bundeskanzler" Steinbrück, genau, wie die mit dem Schröder damals: Der Hoffungsträger, der sich selbst medial massiv verstärkt und promotet zum "neune Messias" ausruft, schlägt dann den "Durchschnittsdeutschen" noch ein paar Löcher in den Gürtel, damit sie ihn nochmals deutlich enger schnallen können! Es lebe der kleinbürgerlich-rot angestrichene Sozialfaschismus! Schade, daß ihn niemand über einen "Doktortitel" stolpern lassen kann, wie den zuletzt gehandelten "Messias" KTzGutti, den das Volk soooooooooooo geliebt hat... Die "Halbwertszeit" des Erinnerungsvermögens der Wähler muß wohl inzwischen auf ein paar Monate, vielleicht nur Wochen geschrumpft sein.

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