Furcht vor Milliardenkosten
Pharmahersteller protestieren

Die Hersteller frei verkäuflicher Medikamente wehren sich gegen Pläne der Bundesregierung, alle Arzneipackungen durch ein elektronisches Siegel fälschungssicher zu machen. Die Branche sieht auf die deutschen Anbieter Zusatzkosten von zehn Mrd. Euro zukommen. Die Regelung sollte ursprünglich nur für verschreibungspflichtige Medikamente gelten.

BERLIN. Als die EU-Kommission Ende 2008 ihre Pläne bekanntgab, durch eine neue Kennzeichnungspflicht für Medikamente die Bürger vor der wachsenden Flut von Arzneimittelfälschungen zu schützen, war die Pharmaindustrie voll des Lobes. Doch nun will die Bundesregierung diesen Teil des Arzneimittelpakets von Industriekommissar Günther Verheugen verschärfen. Während Verheugen nur die Hersteller teurer rezeptpflichtiger Medikamente verpflichten wollte, künftig jede Medikamentenpackung mit einem elektronisch lesbaren Code zu versehen, dringt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) darauf, alle Arzneimittel zu kennzeichnen. Auch der zuständige Berichterstatter im EU-Parlament will dies mit der Begründung, dass es keine mehr oder weniger sicheren Medikamente geben dürfe.

„Sollte Deutschland sich durchsetzen, kämen auf die Unternehmen Zusatzkosten von rund zehn Mrd. Euro zu,“ warnt Hermann Kortland, Geschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittelindustrie (BAH). Die Rechnung ist plausibel. Denn die Hälfte aller verkauften Medikamente sind nicht rezeptpflichtig. Die von der EU-Kommission geschätzten Kosten der neuen Codes für rezeptpflichtige Pillen von bis zu elf Mrd. Euro könnten sich daher leicht verdoppeln.

Betroffen wären vor allem mittelständische Hersteller preiswerter frei verkäuflicher Medikamente. Sie könnten die Zusatzkosten kaum an die Konsumenten über höhere Preise weitergeben, klagt Kortland. Zudem stünden diese mit 120 000 Euro pro Produktlinie in keiner Relation zum Preis der Präparate von durchschnittlich acht Euro pro Packung. Auch Supermärkte und Drogerien wären betroffen, weil sie sich teure Lesegeräte für die neuen Codes anschaffen müssten. Sie wären von den ursprünglichen Plänen Verheugens gar nicht betroffen gewesen.

Die neuen Pläne stehen nach Ansicht der Industrie in keinem Verhältnis zur damit erzielbaren Sicherheit. Bislang sei kein Fall bekannt geworden, dass ein rezeptfreies Medikament gefälscht worden sei. Das deckt sich mit Erkenntnissen des Bundeskriminalamts, dass vor allem teure Medikamente wie Viagra gefälscht werden. Auch der Bundesrat steht auf Seiten der Industrie.

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