G20-Krawalle
Wie konnte das passieren?

In Hamburg hatten sich die Behörden auf schlimmere Szenarien eingerichtet. Dennoch eskalierte die Lage am Freitagabend. Und am Samstag marschiert erneut der Schwarze Block. Warum? Antworten auf drängende Fragen.
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HamburgEine neue Form von Bedrohung, begrenzte Einsatzkräfte, keine Distanzierung aus der Bevölkerung: Am Tag nach den Ausschreitungen im Hamburger Schanzenviertel wird klarer, wie es zu dem Gewaltexess kommen konnte. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Wieso wurde der bekannte Brennpunkt, die Straße Schulterblatt im Schanzen-Viertel, nicht frühzeitig von Polizeikräften besetzt?

Um 19 Uhr begann das Konzert in der Elbphilharmonie. Die Polizei war mit vielen Kräften damit beschäftigt, den Weg freizuhalten. Mehrere Tausend Menschen versuchten mit Sitzblockaden, den Weg zu versperren. Viele Einsatzfahrzeuge und Wasserwerfer standen zwischen Demonstranten und Fahrweg. An jeder der vielen Einmündungen von Straßen postierten sich Gruppen von Polizisten – anders als zunächst kommuniziert stundenlang. Die Innenstadt war dadurch zerschnitten. Zugleich standen sich weitere Hunderte Demonstranten und Wasserwerfer am Millerntor, dem Eingang zu Reeperbahn und Messe-Gebiet, gegenüber. Das heißt: Es waren kaum noch Kräfte frei. Aus Kreisen der Innenbehörde heißt es zudem, die Polizei wisse aus vorherigen Jahren, dass Polizeikräfte vor dem Autonomen-Zentrum Rote Flora eher eskalierend wirken. Es sei nicht absehbar gewesen, dass eine Gefahr drohe – obwohl es bereits am Abend zuvor an genau dieser Stelle gebrannt hatte.

Was passierte, als kaum Polizei im Bereich Schanze war?

Bis 21 Uhr versammelten sich immer mehr Menschen in dem Bereich – darunter viele junge Partygänger. Zu sehen waren etliche schwarz Vermummte, von denen viele sicherlich unter 20 Jahre alt waren. Sie entzündeten auch in Nebenstraßen kleinere Barrikaden. Die Polizei griff selten ein. Auch auf der Reeperbahn, wo eine friedliche Kundgebung zu Homosexuellen-Rechten stattfand, zeigte die Polizei kaum noch Präsenz, während gemischte Gruppen aus Aktivisten, Protestlern und Partygängern die Straße in Beschlag nahmen. Es herrschte eine anarchische Stimmung. Währenddessen bereiteten in der Straße Schulterblatt, an der auch die Rote Flora liegt, nach Erkenntnissen der Polizei Menschen auf Häuserdächern Angriffe vor. Aus den Kreisen der Innenbehörde hieß es, aus Hubschraubern und wohl auch durch Kontakte in die Szene sei klar geworden, dass Autonome dort Gehwegplatten und Präzisionsschleudern mit Stahlkugeln lagerten. Zudem sollen Molotow-Cocktails gemischt worden sein.

Warum schritt die Polizei nach diesen Erkenntnissen nicht ein, obwohl Feuer brannten und Geschäfte geplündert wurden?

Innensenator Andy Grote (SPD) begründete das stundenlange Abwarten am Samstag in einer Pressekonferenz mit der Gefahr von den Häuserdächern. Bei einem Vorrücken wären demnach Beamte in Lebensgefahr geraten. Aus den Behörden-Kreisen hieß es, die Polizei habe daher ein „abgestuftes Verfahren“ gewählt. Zunächst sei die Lage insofern stabilisiert worden, dass Wasserwerfer an beiden Enden der Straße ab und an die Feuer besprühten, um sie kleiner zu halten. Zudem seien einzelne Gewalttäter „behutsam“ besprüht worden. Währenddessen bereitete sich ein Sondereinsatzkommando vor, um die Dächer zu stürmen. Das dauerte Stunden. Schließlich gelangten die Beamten auf Dächer. An der Hausnummer 1 wurden 13 Menschen festgenommen. Erst dann rückten die Wasserwerfer und Räumfahrzeuge vor. Es sei wichtig gewesen, sicherzugehen, dass der Einsatz beim ersten Reinfahren Erfolg habe. Bilder wie aus Griechenland oder Italien, in denen die Polizei wieder zurückweichen muss, seien unbedingt zu vermeiden, hieß es aus der Innenbehörde. „Nichts wäre schlimmer gewesen als vorzurücken und sich dann unter Beschuss wieder zurückziehen zu müssen“, sagte Grote.

Welche Rolle spielte das Publikum?

„Das ist keine Revolution, das ist ein Gewalt-Ballermann.“ Das war wohl das einzig vernünftige Banner, das ein einzelner Mann stoisch am Freitagabend im Hamburger Schanzenviertel durch das Chaos trug. Als Schwarzer Block verkleidete Jungs – gerade jenseits der Volljährigkeit – betrunkene Männergruppen, Linksradikale zündeten Barrikaden an, berauschten sich an auffahrenden Wasserwerfern. Und daneben? Saßen die Hamburger seelenruhig auf den Restaurant-Terrassen bei Grillfleisch und Bier, nur leicht gestört von Rauch und Reizgas. Bildeten sich Gruppen Schaulustiger, während wenige Meter weiter Durchgedrehte ihr Leben und das Anderer gefährdeten. Das Erschreckende: Kaum jemand versuchte, gegen die Gewalt anzutreten – und sei es nur durch das Isolieren von Brandstiftern. Während sich die Polizei immer wieder Beschimpfungen gefallen lassen musste, agierten die Randalierer unter interessierten bis sympathisierenden Augen der Beobachter.

Die Wege zur Straße Schulterblatt waren während der stundenlangen Proteste nicht abgeriegelt. Es gab einen munteren Strom in Richtung der Feuer und zurück – von Krawall-Touristen, Schaulustigen und Anwohnern.

Warum gab es nicht viel mehr Festnahmen?

Zwar hat die Polizei inzwischen über 20.000 Kräfte in Hamburg – doch viele sind mit der Sicherung der Staatsgäste beschäftigt. Eine einzelne Verhaftung binde drei Beamte für längere Zeit, hieß es. Auch, weil der Verhaftete zum provisorischen Gefängnis in den südlichen Stadtteil Elbe gebracht werden muss und dokumentiert sein muss, was die Gründe für die Ingewahrsamnahme sind. Die Polizei hatte jedoch nicht einmal genügend Kräfte, um Jugendliche davon abzuhalten, weiter in die Schanze zu strömen.

Was unterscheidet die Lage von vorherigen Krawallen in Hamburg und anderswo?

Innensenator Grote sagte, das Gewaltpotenzial durch die Bewaffneten auf den Dächern sei viel höher gewesen als bei früheren Ausschreitungen. Zu den letzten 1.Mai-Demonstrationen hatte die Hamburger Szene nur in geringem Maß zu Gewalt mobilisieren können.

Hatten die Sicherheitsbehörden die Situation eingeplant?

Nein. Der Senator sagte, die polizeiliche Lage sei unerwartet gewesen. Allerdings: Die Polizei spricht von 1500 Gewalttätern in dem Bereich – wesentlich weniger als die vor dem Gipfel genannte Zahl von 8000 Gewalttätigen. Die Polizei hat bereits in den Wochen zuvor Zwillen und Stahlkugeln gefunden. Die Lage war also nicht komplett unerwartet. Offenbar hat die Polizei jedoch eher Szenarien durchgespielt, in denen Gewalttäter weniger vereinzelt auftreten, es also zum Beispiel Gewalttaten aus Demonstrationen heraus gibt und Gewalttäter klar abgrenzbar sind. Es hieß, es sei in den letzten Jahren nicht vorgekommen, dass sich so viele zuvor Unbeteiligte an Randale und Plünderungen beteiligt hätten – selbst nicht maskierte Partygänger. Das erschwerte ein hartes Vorgehen zusätzlich.

War das der Worst-Case?

Nein. Die Behörden haben im Vorfeld behauptet, sie seien für wesentlich schwerere Lagen vorbereitet.; konkret für deutlich mehr Gewalttäter und gleichzeitige terroristische Akte durch mit Schusswaffen oder Sprengstoff bewaffnete Attentäter und Amokläufer. Zudem hatten sie mit massiver Beeinträchtigung der Infrastruktur gerechnet – von Stromausfällen bis zur Schließung des Elbtunnels. All das ist bislang nicht eingetreten.

War wenigstens die Lage außerhalb der Schanze unter Kontrolle?

Die Behörden verbuchen für sich bereits als Erfolg, dass der Gipfel wie geplant stattfinden konnte. Zudem seien friedliche Demonstrationen möglich gewesen. Sie weist auch darauf hin, dass die Demonstranten so nah an die Staatsgäste geraten durften wie bei kaum einem anderen Gipfel. Dennoch: Die Lage in der Innenstadt war deutlich heikler als vorher eingeschätzt. Wegen der vielen Blockierer stellten die angekündigten Linienbusse rasch den Betrieb ein, über viele Stunden auch U-Bahn-Linien und S-Bahnen. In der Innenstadt wurden Beamte immer wieder beworfen, Menschen drangen in die eigentlich mit Rollgittern verschlossene S-Bahn-Station Landungsbrücken ein. Auch die Greenpeace-Aktionen auf dem Wasser hätten eigentlich laut Plan keinen Erfolg haben dürfen. An vielen Orten in der Stadt brannten Autos. Im Internet verbreiten sich Aufnahmen von Randalierern, die unbehelligt vorgingen.

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