G7-Gipfel in Elmau
Das Leben der Anderen

Lange haben sich die Politiker in Bayern gegen ein G7-Protestcamp in Garmisch-Partenkirchen gewehrt. Ein Gericht kippte das Verbot. Nun müssen sich Bürgermeisterin und Demonstranten arrangieren. Ein Ortsbesuch.
  • 0

Garmisch-PartenkirchenSigrid Meierhofer ist eine patente Frau. Da der Verkehr in ihrem Markt Garmisch-Partenkirchen derzeit sowieso kaum rollt – überall stehen ja jetzt Polizisten, Journalisten und private Sicherheitsleute – hat sich die SPD-Politikerin eben aufs Rad geschwungen, um von ihrem Rathaus zum Zeltlager der G7-Demonstranten zu gelangen. Nun kommt sie also um die Kurve gestrampelt, steigt ab und sagt: „Muss man hier sein Rad absperren?“ „Ich glaube nicht, Frau Meierhofer“, antwortet einer der Gipfelgegner. Doch die Bürgermeisterin nimmt ihre dicke Kette und umwickelt damit ihr Hinterrad. „Und wehe, da ist nachher ein Platten drin“, sagt sie noch.

Keine 24 Stunden ist es jetzt her, dass die Verwaltungsrichter in München Meierhofers Welt durcheinandergewirbelt haben. Am Dienstag hatte das Gericht im Eilverfahren entschieden, das Protestcamp der Gegner des G7-Gipfels doch noch zu genehmigen. Das komplette Verbot der Gemeinde Garmisch gegen das Zeltlager – offiziell aus Hochwasserschutzgründen – sei nicht zu halten, schließlich werde damit das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit eingeschränkt.

Die Anhänger des Aktionsbündnis „Stop G7 Elmau“ triumphierten und begannen sogleich, ihre Zelte an der Loisach aufzustellen. Meierhofer hingegen ärgerte sich kurz – und entschloss sich dann, die Situation für sich zu nutzen. Deshalb ist sie zum Camp geradelt. Sie will auf die andere Seite zugehen. Danach soll es jedenfalls aussehen.

Ihnen allen hier, Politikern wie Gipfelgegnern, geht es ja um die Bilder. Der G7-Gipfel ist vor allem ein Bildergipfel. Jenseits all der Thesen, Statements und Vereinbarungen die diese Treffen bringen mag, geht es um die Eindrücke, die die Welt von hier bekommt. Von Deutschland, von Bayern, von den Menschen hier. Eine Postkartenidylle hatte sich die Bundeskanzlerin gewünscht. Also tat die bayerische Staatsregierung alles für eine friedliche Umgebung: verbot Lager und Demonstrationen, schickte 20.000 Polizisten nach Oberbayern. Nun spielt auch noch das Wetter mit. Keine Wolke ist am Himmel, 28 Grad warm die Luft. Alles perfekt.

Doch auch die Demonstranten wollen Bilder. Bilder des Protestes, Bilder ihres Unbills, manche wollen auch Bilder der Zerstörung. Also werden Bilder erzeugt. Auch deshalb gibt es an diesem Tag die Ortsbegehung im Zeltlager. Um das gegenseitige Kennenlernen geht es beiden Seiten sicher nicht. Und um die Rettungswege der schnöden Wiese am Stadtrand schon gar nicht.

Kommentare zu " G7-Gipfel in Elmau: Das Leben der Anderen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%