G8-Gipfel
Glos im Land der Wunder

Auf dem G8-Gipfel sprechen zwar die Staats- und Regierungschefs der acht wichtigsten Industrienationen über die Globalisierung, die Kontrolle von Hedge-Fonds und die gerechtere Verteilung des weltweiten Wohlstands. Wirtschaftsminister Michael Glos spielt dabei eigentlich keine Rolle. Eigentlich – denn der CSU-Politiker hat einen Weg gefunden, sich Gehör zu verschaffen.

HEILIGENDAMM. Weil Glos nicht direkt am Tisch der mächtigsten Regierunschefs sitzen kann, hat sich der Wirtschaftsminister heimlich in die Veranstaltung an der Ostsee geschlichen - und eine mehrtägige Informationsveranstaltung unter dem Label "Deutschland - Land der Ideen" organisiert. Renommierte Manager, Wissenschaftler und Ökonomen diskutieren in einem weißen Zelt und in völlig entspannter Atmosphäre mit Journalisten über die Top-Themen des G8-Gipfels.

Das Land-der-Ideen-Zelt hat einen entscheidenen Vorteil: Die Gipfel-Agenda wird in kleinen Runden erklärt und lebendig gemacht. Hier steht kein gemeinsames Abschlussdokument im Vordergrund, sondern konkrete Beispiele über erneuerbare Energien, die Reinigung von Schmutzwasser oder einen globalen Marshall-Plan.

Beispielsweise Michael Schäfer, der Gründer und Gesellschafter der Solarstromsysteme GmbH aus Köln. Der Agraringenieur ein Solar-Hybrid-System entwickelt, um mit Hilfe des Jatropha-Nuss-Baums Strom rund um die Uhr auch in Regionen zu garantieren, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind.

Beispielsweise Stephan Wrage, der Gründer und Vorsitzende der Geschäftsführung der SkySails GmbH aus Hamburg. Das junge Start-up-Unternehmen hat riesige Lenkdrachen entwickelt, mit deren Zugkraft Containerschiffe energiesparend über die Weltmeere gezogen werden. Wenn optimale Windbedingungen herrschen, kann nach Angaben der Hamburger Bastler der Treibstoffverbrauch um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Die Segel, die in über Computer gesteuert werden und in einer Höhe von 300 Metern fliegen, schaffen eine Leistung von etwa 6800 PS.

Beispielsweise Alexander Wurzer, der das Institut für Management geistigen Eigentums in Berlin leitet und einen neuen Standart zur Wertermittlung von Patenten ermittelt hat. PAS 1070 heißt die Zauberformel, mit der Patente künftig bewertet werden sollen. Der Standard legt dabei erst einmal die Grundsätze fest, nach denen die immateriellen Ressourcen bewertet werden. Einfach ausgedrückt: Patente bekommen künftig ein Preisschild. Für Wurzer ein enormer Fortschritt: Sind die Standards einmal bewertet, können sie wirtschaftlich verwertet und gehandelt werden.

Insgesamt 23 solcher innovativer Schöpfer hat Wirtschaftsminister Glos zum Weltwirtschaftsgipfel ins Pressezentrum nach Kühlungsborn geholt. Nicht jede Veranstaltung hat am ersten Gipfel-Tag das ihr eigentlich zugestandene Echo gefunden. Daran konnten auch die vielen in weißen Kostümen gekleideten Hostessen nichts ändern, die dem Land-der-Ideen-Auftritt das Flair einer Rafaelo-Werbung gaben. Doch je länger die mehr als 4000 Journalisten wegen der Straßen- und Schienenblockaden der Globalisierungsgegner das Pressezentrum nicht verlassen können, um so interessanter werden solche Programmalternativen.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur
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