Gabor Steingart

Tod eines Sehnsuchtsortes

Nach dem Anschlag in Berlin ist die Gesellschaft äußerlich ruhig – doch im Innern brodelt es. Wer diese Dramatik verstehen will, muss sich mit den Hoffnungen und Wünschen der Deutschen beschäftigen. Sie sind in Gefahr.
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Die Deutschen spüren den Angriff auf das Innerste. Quelle: dpa
Trauer nach Anschlag in Berlin

Die Deutschen spüren den Angriff auf das Innerste.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDer gestrige Tag war an Trostlosigkeit nur schwer zu überbieten: Alle Politiker haben gesprochen und keiner hat etwas gesagt. Der Berliner Betrieb produzierte eine Überdosis Ohnmacht, derweil der Täter des Anschlags vom Weihnachtsmarkt sich weiter auf der Flucht befindet. Die Polizei bittet in ihrer Hilflosigkeit um unsere Handybilder. „Alles unter Kontrolle“, meldet der Regierende Bürgermeister einer Stadt, die noch unter Betäubung steht.

Die Bürgergesellschaft verhält sich äußerlich ruhig, doch im Innern brodelt es. Wer die politische Dramatik dieser Stunden verstehen will, muss den Zweitwohnsitz der Deutschen besuchen. Es handelt sich hierbei um einen mystischen Ort, der auf Google Maps nicht zu finden ist.

Der Erstwohnsitz bezeichnet das wirkliche Leben. Da ist ein jeder, was er ist: Der Arbeitslose ist arbeitslos, der Student studiert und der Arbeiter arbeitet. Der Erstwohnsitz ist das Reich des Notwendigen. Die Statistiker aller Länder haben es oft schon vermessen.

Gabor Steingart  Quelle: Andreas Fechner für Handelsblatt
Der Autor

Gabor Steingart ist der Herausgeber des Handelsblatts.

(Foto: Andreas Fechner für Handelsblatt)

Der zweite Wohnsitz hingegen ist ein Sehnsuchtsort, gebaut aus Hoffnungen und Wünschen. Hier wird von besserer Ausbildung und sozialem Aufstieg geträumt, von mehr Geld und mehr Glück, und sei es für die Kinder. Auch der Traum von körperlicher Unversehrtheit und ewigem Frieden ist hier beheimatet.

Der Zweitwohnsitz ist für den Politiker der perfekte Ort, den Wähler zu treffen. Nur dort kann er seine wichtigste Handelsware, das Versprechen auf ein besseres Leben, an den Mann und die Frau bringen. Wirtschaftswunderminister Ludwig Erhard und Reformkanzler Willy Brandt schauten hier regelmäßig vorbei, so wie in den USA John F. Kennedy, Bill Clinton und zuletzt Barack Obama. Sie alle wussten, wie man Sehnsüchte in Politik verwandelt.

Dieser Zweitwohnsitz der Deutschen ist derzeit ein zugiger Ort. Die Winde der Globalisierung fegen übers Dach. Vom Weihnachtsmarkt weht Leichengeruch herüber. An den Herzen der verstörten Bewohner wachsen die Frostblumen.

Angela Merkel empfiehlt sich in dieser Situation nicht als der gute Hirte, der uns auf die höheren Weiden führt, sondern gefällt sich als Großgrundbesitzerin des Gegenwärtigen. Statt Auswegen bietet sie Alternativlosigkeiten. Die Globalisierung schafft Ungleichheit – und wir sollen uns damit abfinden.

Der Alltagsterror wird als Teil einer neuen Normalität verkauft. Mit dem in Schwarz-Rot-Gold illuminierten Brandenburger Tor will man uns anhalten, die eigene Ohnmacht als politische Tatsache anzuerkennen. Es gibt keinen äußeren Schutz mehr, nur noch die eigene Tapferkeit. Wer nicht mit seinen Kindern erhobenen Hauptes über den nächstgelegenen Weihnachtsmarkt spaziert, verrät die westlichen Werte. Der Sehnsuchtsort wird erst auf den Status quo geschrumpft und dann dem Erdboden gleichgemacht.

So findet der Anschlag vom Breitscheidplatz seine Fortsetzung auf dem Territorium des Politischen. Die Kanzlerschaft der Angela Merkel wirkt erschöpft. Der schwarze Sattelschlepper räumte mehr ab als nur die Stände mit Mandeln und Lebkuchen.

Hinweis: Dieser Text wurde am frühen Morgen auch an die Abonnenten des Morning Briefings verschickt.

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28 Kommentare zu "Gabor Steingart: Tod eines Sehnsuchtsortes"

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  • Jeder Herausgeber hat das Recht zu löschen bzw. seine Meinung zu vertreten. Nur leider sind die meisten Medien jetzt schon soweit, daß jegliche Kritik an den Islam verboten ist. Der Islam wird in Deutschland gefördert, obwohl er zu Morden aufruft. Islam= Tötet Andersgläubige. Dies wollen unsere Politiker bzw. deren Politik.

  • http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/-newsblog-terror-in-berlin-europa-sucht-anis-amri/v_detail_tab_comments/19166726.html

    Das macht Mut. Endlich ein Vertreter der Europäer der Klartext spricht. Merkel ist am Ende, der Chef der freien Welt, wird bald anrufen.

  • Sofern es sich bei dem Täter um einen dieser „Schutzsuchenden“, die man nur noch zu integrieren braucht, handelt, tragen für mich diese erbärmlichen Berufspolitiker in Bund und Ländern die Schuld am Tod von 12 Menschen. Denn dann hat man diesen Täter, der bereits mehrfach bei der Polizei durch kriminelle Handlungen seinen „Integrationswillen“ unter Beweis gestellt hat, einfach verantwortungslos weiter auf die „offene Gesellschaft“ losgelassen.

    Für mich gehören ausländische Kriminelle, die wir dank genug eigener Krimineller nicht noch zusätzlich brauchen, derart sicher aus dem öffentlichem Leben eingesammelt, dass diese hier bei uns keine Straftaten mehr begehen können.

    Das aber verhindern unsere beruflich vom zu schützenden Volk alimentierten politischen Gesinnungstäter und haben sich damit schuldig am Tod dieser Menschen gemacht.

    Das ausgerechnet diese Merkel, nun von der „Härte des Rechtsstaates“ in Kenntnis der rechtsfreien Räume in ganzen Stadtvierteln deutscher Großstädte faselt, ist für mich der Verhöhnung der Toten – nicht zu vergessen der Verletzten – gleichzusetzen.

    Wie krank das Denken im System und deren Fürsprecher ist, stieß mir Heute in einem Artikel in der WiWo wieder enorm übel auf. Da ließ man wieder einen „Experten“ sein grottenerbärmlich dummes oder vielleicht auch „nur“ ideologisches Gewäsch absondern, wonach man wegen der Kosten nicht alle Veranstaltungen schützen könne. Ist schon klar – 12 Tote sind eben viel, viel kostengünstiger.

    Für Merkel wurde am 03.10 in Dresden kein Aufwand gescheut. Tonnenschwere Klötze waren genug da. Vielleicht hätte man die Berlin anfordern können, wenn denn dort Politiker mit Verstand darüber nachgedacht hätten, wie man denn eine bekannte Methode mit einem LKW effizient verhindert.

    Nur Politiker mit Verstand sind unter Berufspolitikern (inkl. kommunaler Ebene) Mangelware. Für Realpolitiker ist unter der elitären Masse der Berufspolitiker kein Platz an den Schalthebeln der Macht.

  • Hier ein Statement im Zusammenhang mit den rot-grünen SCHLAPPSCHWÄNZEN aus NRW:

    "Der Tatverdächtige wurde im Juni 2016 als Asylbewerber abgelehnt. Der Mann habe aber nicht abgeschoben werden können, weil er keine gültigen Ausweispapiere bei sich hatte, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) in Düsseldorf."

    Unabhängig davon dass, es den rot-grünen SCHLAPPSCHWÄNZEN aus NRW gelungen ist, dieses Bundesland wirtschaftlich auf die hinteren Plätze zu befördern, ist es angebracht, dass der Studienabbrecher (... Fachbereich Pädagogik) und SPD-Funktionär Jäger (seit 1983 Parteimitglied) seinen Hut nimmt, das wäre spätestens seit der Kölner Silvesternacht 2015 überfällig gewesen. Aber für Jäger dürfte es schwierig werden, nach 16 Jahren des Herumlümmelns in der Politik wieder außerhalb der Politik Fuß zu fassen.

  • @ Herr Alexandros Kitsikoudis

    Genauso wurde gestern mit meinem Kommentar verfahren, den ich hier gerade erneut eingestellt habe, da er von der Aktualität eingeholt wurde.

    Würden die gegen die Meinungsfreiheit verstoßenden Zensoren des HB bei Herrn Steingart den gleichen Maßstab anlegen, müsste sein Artikel nebst aller Kommentare sofort gelöscht werden.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.
    http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • @Paul Kersey: Verstehe Ihre Beweggründe und Fragen zu 100 Prozent und habe weiter unten bereits versucht, die Antworten darauf zu geben.
    Unser Staat ist ohnmächtig und unfähig zugleich, querschnittsgelähmt durch Merkels einfältige wie strategielose Verhinderungspolitik, tut quasi so als könnte man weder Grenzen schützen und Zuwanderung verhindern, geschweigedenn Asyl ablehnen und auch die Bedürftigen vollends versorgen müssen, vom Kostenfaktor höher als Deutsche ohne Arbeit.
    Der Fisch stinkt vom kranken poltischen Kopf und wir sind von der Führung her ein Volk von Weicheiern, Studienabbrechern, früheren Steinewerfern, Lehrern und sonstigen Versagern, die es sich im Kabinett der Ahnungslosigkeit gemütlich machen und keinen Arsch in der Hose haben, das Kind mal beim Namen zu nennen oder gar aus aktiv dem Brunnen zu ziehen, wenn es hinein gefallen ist.
    Ich sage, man kann alles, man muss es nur wollen und tun. So wie aktuell kommen wir alle unter die Räder und reißen in wenigen Jahren das ein, was wir nach 1945 mühevoll aufgebaut haben.

  • Nein, die finanziellen Mittel sind definitiv nicht vorhanden!

    Bei der Deutschprüfung von Polizei-Komissar-Anwärtern fallen 2/3 durch, so kürzlich gelesen.

    Die IT befindet sich in einem Zustand so kurz nach der Steinzeit.

    Es fehlt vorn und hinten an Fachleuten, dazu kommen diverse Datenschutz Regeln und Verordnungen, die erst geändert werden müssten, Europa weit !

    Welch eine Herausforderung, schlichtweg unmöglich !

  • Was heißt das eigentlich genau, dass wir uns unseren Lebensstil bewahren sollen, um weiterhin in Freiheit zu leben? Ohne übertriebene Angst und Einschränkungen?
    Heißt es vielleicht, dass wir weder die finanziellen Mittel, noch den politischen Willen haben, unsere Sicherheitsmaßnahmen einer veränderten Sicherheitslage anzupassen? Weil es zu wenig Polizisten gibt, ohne vernünftige Ausrüstung und vor allem eine historisch bedingte Abneigung gegen schwer bewaffnete Sicherheitskräfte im Innern?
    Die Arbeit unserer Nachrichtendienste steht m.E. nach außer Kritik. Aber die helfen nicht gegen selbstradikalisierte Einzeltäter. Und auch wenn noch nicht feststeht, wer der Täter in Berlin wirklich war, so zeigt das Geschehen eben doch den entweder naiven oder berechnenden Umgang der Behörden mit der seit einiger Zeit veränderten Situation. Wir wissen seit Nizza, dass LKWs tödliche Waffen sein können. Da ist es den Opfern und ihren Angehörigen herzlich egal, ob am Steuer ein Islamist saß oder irgendein Psychopath der "einfach" nur Amok lief.

  • Die Wolkenkuckucksheimer wissen sich zu schützen, siehe HH.
    2000 Polizisten pro Politiker

    Am Ende des Raubtier-Kapitalismus werden Diktatur und Anarchie stehen.

    Wir sind auf dem besten Weg dorthin

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