Gabor Steingart
Tod eines Sehnsuchtsortes

Nach dem Anschlag in Berlin ist die Gesellschaft äußerlich ruhig – doch im Innern brodelt es. Wer diese Dramatik verstehen will, muss sich mit den Hoffnungen und Wünschen der Deutschen beschäftigen. Sie sind in Gefahr.
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DüsseldorfDer gestrige Tag war an Trostlosigkeit nur schwer zu überbieten: Alle Politiker haben gesprochen und keiner hat etwas gesagt. Der Berliner Betrieb produzierte eine Überdosis Ohnmacht, derweil der Täter des Anschlags vom Weihnachtsmarkt sich weiter auf der Flucht befindet. Die Polizei bittet in ihrer Hilflosigkeit um unsere Handybilder. „Alles unter Kontrolle“, meldet der Regierende Bürgermeister einer Stadt, die noch unter Betäubung steht.

Die Bürgergesellschaft verhält sich äußerlich ruhig, doch im Innern brodelt es. Wer die politische Dramatik dieser Stunden verstehen will, muss den Zweitwohnsitz der Deutschen besuchen. Es handelt sich hierbei um einen mystischen Ort, der auf Google Maps nicht zu finden ist.

Der Erstwohnsitz bezeichnet das wirkliche Leben. Da ist ein jeder, was er ist: Der Arbeitslose ist arbeitslos, der Student studiert und der Arbeiter arbeitet. Der Erstwohnsitz ist das Reich des Notwendigen. Die Statistiker aller Länder haben es oft schon vermessen.

Der zweite Wohnsitz hingegen ist ein Sehnsuchtsort, gebaut aus Hoffnungen und Wünschen. Hier wird von besserer Ausbildung und sozialem Aufstieg geträumt, von mehr Geld und mehr Glück, und sei es für die Kinder. Auch der Traum von körperlicher Unversehrtheit und ewigem Frieden ist hier beheimatet.

Der Zweitwohnsitz ist für den Politiker der perfekte Ort, den Wähler zu treffen. Nur dort kann er seine wichtigste Handelsware, das Versprechen auf ein besseres Leben, an den Mann und die Frau bringen. Wirtschaftswunderminister Ludwig Erhard und Reformkanzler Willy Brandt schauten hier regelmäßig vorbei, so wie in den USA John F. Kennedy, Bill Clinton und zuletzt Barack Obama. Sie alle wussten, wie man Sehnsüchte in Politik verwandelt.

Dieser Zweitwohnsitz der Deutschen ist derzeit ein zugiger Ort. Die Winde der Globalisierung fegen übers Dach. Vom Weihnachtsmarkt weht Leichengeruch herüber. An den Herzen der verstörten Bewohner wachsen die Frostblumen.

Angela Merkel empfiehlt sich in dieser Situation nicht als der gute Hirte, der uns auf die höheren Weiden führt, sondern gefällt sich als Großgrundbesitzerin des Gegenwärtigen. Statt Auswegen bietet sie Alternativlosigkeiten. Die Globalisierung schafft Ungleichheit – und wir sollen uns damit abfinden.

Der Alltagsterror wird als Teil einer neuen Normalität verkauft. Mit dem in Schwarz-Rot-Gold illuminierten Brandenburger Tor will man uns anhalten, die eigene Ohnmacht als politische Tatsache anzuerkennen. Es gibt keinen äußeren Schutz mehr, nur noch die eigene Tapferkeit. Wer nicht mit seinen Kindern erhobenen Hauptes über den nächstgelegenen Weihnachtsmarkt spaziert, verrät die westlichen Werte. Der Sehnsuchtsort wird erst auf den Status quo geschrumpft und dann dem Erdboden gleichgemacht.

So findet der Anschlag vom Breitscheidplatz seine Fortsetzung auf dem Territorium des Politischen. Die Kanzlerschaft der Angela Merkel wirkt erschöpft. Der schwarze Sattelschlepper räumte mehr ab als nur die Stände mit Mandeln und Lebkuchen.

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Kommentare zu " Gabor Steingart: Tod eines Sehnsuchtsortes"

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  • Jeder Herausgeber hat das Recht zu löschen bzw. seine Meinung zu vertreten. Nur leider sind die meisten Medien jetzt schon soweit, daß jegliche Kritik an den Islam verboten ist. Der Islam wird in Deutschland gefördert, obwohl er zu Morden aufruft. Islam= Tötet Andersgläubige. Dies wollen unsere Politiker bzw. deren Politik.

  • http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/-newsblog-terror-in-berlin-europa-sucht-anis-amri/v_detail_tab_comments/19166726.html

    Das macht Mut. Endlich ein Vertreter der Europäer der Klartext spricht. Merkel ist am Ende, der Chef der freien Welt, wird bald anrufen.

  • Sofern es sich bei dem Täter um einen dieser „Schutzsuchenden“, die man nur noch zu integrieren braucht, handelt, tragen für mich diese erbärmlichen Berufspolitiker in Bund und Ländern die Schuld am Tod von 12 Menschen. Denn dann hat man diesen Täter, der bereits mehrfach bei der Polizei durch kriminelle Handlungen seinen „Integrationswillen“ unter Beweis gestellt hat, einfach verantwortungslos weiter auf die „offene Gesellschaft“ losgelassen.

    Für mich gehören ausländische Kriminelle, die wir dank genug eigener Krimineller nicht noch zusätzlich brauchen, derart sicher aus dem öffentlichem Leben eingesammelt, dass diese hier bei uns keine Straftaten mehr begehen können.

    Das aber verhindern unsere beruflich vom zu schützenden Volk alimentierten politischen Gesinnungstäter und haben sich damit schuldig am Tod dieser Menschen gemacht.

    Das ausgerechnet diese Merkel, nun von der „Härte des Rechtsstaates“ in Kenntnis der rechtsfreien Räume in ganzen Stadtvierteln deutscher Großstädte faselt, ist für mich der Verhöhnung der Toten – nicht zu vergessen der Verletzten – gleichzusetzen.

    Wie krank das Denken im System und deren Fürsprecher ist, stieß mir Heute in einem Artikel in der WiWo wieder enorm übel auf. Da ließ man wieder einen „Experten“ sein grottenerbärmlich dummes oder vielleicht auch „nur“ ideologisches Gewäsch absondern, wonach man wegen der Kosten nicht alle Veranstaltungen schützen könne. Ist schon klar – 12 Tote sind eben viel, viel kostengünstiger.

    Für Merkel wurde am 03.10 in Dresden kein Aufwand gescheut. Tonnenschwere Klötze waren genug da. Vielleicht hätte man die Berlin anfordern können, wenn denn dort Politiker mit Verstand darüber nachgedacht hätten, wie man denn eine bekannte Methode mit einem LKW effizient verhindert.

    Nur Politiker mit Verstand sind unter Berufspolitikern (inkl. kommunaler Ebene) Mangelware. Für Realpolitiker ist unter der elitären Masse der Berufspolitiker kein Platz an den Schalthebeln der Macht.

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