Gabriel in Dortmund
„Die Regierung gibt ein schwaches Bild ab“

In der Flüchtlingsdebatte gibt es momentan mehr Fragen als Antworten. SPD-Chef Gabriel erläutert die Situation auf einer Konferenz in Dortmund – dabei sollte eigentlich über ganz andere Themen gesprochen werden.

DortmundUnfreiwillig bekommt Sigmar Gabriel die geballte Kraft des Ruhrgebiets zu spüren: Der Freitagsverkehr auf der A40 zwischen Bochum und Dortmund stockt – der Vizekanzler verspätet sich um einige Minuten. Alle Blicke richten sich zur Tür, als der Bundeswirtschaftsminister schließlich die Treppen hinaufsteigt, zunächst mit einem Stirnrunzeln, anschließend mit einem breiten Lächeln.

Henrik Müller, Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund, möchte ursprünglich mit Gabriel über „das schwierige Verhältnis zwischen Ökonomie und Öffentlichkeit“ reden. Doch der Großteil des Gesprächs bei der Konferenz „On the record“ im Dortmunder Signal-Iduna-Park, wo sonst Borussia Dortmund seine Heimspiele austrägt, handelt von der Flüchtlingsdebatte und den daraus resultierenden Problemen für Regierung, Gesellschaft und die europäische Idee. Ein weiterer Indikator dafür, dass das Flüchtlingsthema momentan die gesamte Politik bestimmt.

Gabriel nutzt die Plattform vor Journalisten, Wissenschaftlern und Studierenden, um die Situation aus SPD-Sicht zusammenzufassen. „Es beunruhigt die Menschen in Deutschland, dass die Regierung ein so schwaches Bild abgibt. Letztlich profitieren politische Kräfte, mit denen wir nichts zu tun haben wollen.“ Ein Seitenhieb in die Richtung der erstarkten nationalistischen Stimmen in Deutschland und Europa. Die Flüchtlingssituation sei, so Gabriel, an Komplexität kaum zu überbieten. „Das war so nicht vorauszusehen“, sagt der SPD-Chef mit ruhiger Stimme.

Anders als der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Per Steinbrück, der vor Jahresfrist an gleicher Stelle erstaunlich offensiv auftrat, hält sich Gabriel mit wertenden Aussagen eher zurück. „Ich liefere Ihnen nicht die Dachzeile, die sie wünschen“, entgegnet er lächelnd. In der Europafrage allerdings wird er überaus deutlich. „Europa ist in einem erbärmlichen Zustand“, so der Vizekanzler. „Aber Europa ist aus Krisen gewachsen. Und Europa wird sich neu zusammenfinden.“

Mit der Dortmunder Südtribüne im Rücken wirkt Gabriel zwar wortgewandt, seine Antworten fallen allerdings bisweilen vorsichtig aus. „Ich wünsche mir Journalisten genau so, wie sie sind“, sagt er, als es im zweiten Teil des Gesprächs dann doch um die Kommunikation zwischen Wirtschaft, Politik und Journalismus geht.

Doch Gabriel macht auch deutlich, was ihn an der Berichterstattung stört. „Ich wünsche mir nur eines: Dass wir unser zynisches Verhalten überdenken.“ Das negative Licht, in das die Politik immer wieder gerückt werde, sei eine erhebliche Belastung im Arbeitsalltag und in der Vermittlung politischer Inhalte. „Die Medien vermitteln das Bild, dass Politiker nicht am Gemeinwohl interessiert seien. Das schadet der Demokratie.“

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