Gastarbeiter
Der Zug ins Wirtschaftswunderland

Heute vor 50 Jahren beginnt mit Unterzeichnung des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens die Ära der "Gastarbeiter" in der Bundesrepublik. Die Neuankömmlinge vor allem aus Südeuropa verändern Deutschland nachhaltig.

DÜSSELDORF. Die Geschäftsführung der Oberhausener Concordia Bergbau-Aktien-Gesellschaft war verzweifelt: „Als verantwortliche Leiter eines Bergwerks mit einer Jahresförderung von über 1,5 Millionen Tonnen können wir nicht tatenlos zusehen, wie die wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft durch Arbeitsmangel erschüttert werden. Wir haben uns daher dazu entschlossen, den Versuch zu machen, gute italienische Arbeitskräfte anzuwerben und im Untertagebetrieb unserer Schachtanlagen einzusetzen“, heißt es in einem Schreiben.

Das war 1955. Deutschland war Fußball-Weltmeister, zehn Jahre nach dem Krieg gab es wieder genug zu essen, in Wolfsburg lief der millionste Käfer vom Band, die Arbeitslosenquote lag bei magischen 4,2 Prozent, und es wurden 220 000 offene Stellen gemeldet. Die Soziale Marktwirtschaft brummte, der Arbeitsmarkt hatte alle Spätheimkehrer und Flüchtlinge aus der sowjetisch besetzten Zone aufgesogen. Da fasste Wirtschaftsminister Ludwig Erhard den Plan, Arbeiter aus dem Ausland anzuwerben.

„Es war ein Aufeinanderprallen einer geordneten Gesellschaft mit jungen, arbeitslosen Männern aus dem tiefsten Süden des Landes, dazu kamen noch die Sprachschwierigkeiten“, erinnert sich Luigi Campi, einer der bekanntesten Gastronomen in Köln. „Ich habe mich nicht wohl gefühlt, konnte nicht kommunizieren“, sagt Giovanni Pollice, heute Leiter der Abteilung ausländische Arbeitnehmer der IG Bergbau, Chemie Energie in Hannover, über seine erste Zeit in Deutschland.

Die deutsche und die italienische Regierung verhandelten ein Anwerbeabkommen, das heute vor 50 Jahren, am 20. Dezember 1955, in Rom vom deutschen Arbeitsminister Anton Storch und dem italienischen Außenminister Gaetano Martino unterzeichnet wurde. Es nutzte beiden Ländern: Das Wirtschaftswunderland Deutschland brauchte dringend Arbeitskräfte in der Industrie, während in Italien vor allem im Süden die Arbeitslosigkeit sehr hoch war.

1956 trafen die ersten Italiener in Deutschland ein, in der Tasche einen Arbeitsvertrag für ein Jahr, der auf Drängen der Gewerkschaften den Passus enthielt, dass sie den üblichen Tariflohn erhielten. Doch noch immer fehlten Arbeitskräfte, vor allem im Bergbau. Mit knapp 125 Mill. Tonnen erreichte die Steinkohlenförderung im Ruhrgebiet 1956 einen Höchststand seit Kriegsende. Deshalb wurden nach dem italienischen Muster auch mit anderen Ländern Anwerbeabkommen geschlossen:1960 mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien, 1968 mit Jugoslawien. Als die Ölkrise die Wirtschaftslage verschlechterte, verfügte das Bundeskabinett im November 1973 einen Anwerbestopp.

Seite 1:

Der Zug ins Wirtschaftswunderland

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%