Deutschland

_

Gastbeitrag Oskar Lafontaine: „Die Banken beißen die Hand, die sie füttert“

exklusiv Oskar Lafontaine ist zurück. In einem Gastbeitrag für Handelsblatt Online schaltete sich der Linkspartei-Vordenker in die Euro-Debatte ein – mit harter Kritik und einem Plan, wie er die Krise bewältigen will.

Oskar Lafontaine. Quelle: dapd
Oskar Lafontaine. Quelle: dapd

BerlinEuropa befindet sich in der Sackgasse. Der „visionäre“ Satz des ehemaligen Bundesbankpräsidenten Tietmeyer auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 1995: „Meine Herren, sie alle sind nun der Kontrolle der internationalen Finanzmärkte unterworfen“ ist leider heute bittere Realität. Damals klatschten die ahnungslosen Staats- und Regierungschefs noch in freudiger Erregung Beifall.

Anzeige

Doch die Diktatur der Finanzmärkte wurde zum Alptraum der politischen Elite: Die Parlamente Europas wurden entmachtet. Die Zinsen an den Kapitalmärkten diktieren mittlerweile die Tagesordnung der europäischen Regierungen. Die europäischen Banken entscheiden nunmehr über Staatshaushalte und haben sich für den Notfall selbst verstaatlicht. Die Bilanzsumme der Deutschen Bank beispielsweise entspricht 80 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung und übertrifft die griechische um das achtfache. Nicht Griechenland ist systemrelevant sondern die Großbanken und ihre finanziellen Massenvernichtungswaffen (Warren Buffet).

Die Staaten haben durch Konjunkturprogramme und Bankenrettung die Weltwirtschaft vor einem tiefen Absturz bewahrt. Aber es wurde törichterweise darauf verzichtet die Verursacher und Profiteure der Krise in die Pflicht zu nehmen. Die Finanzmärkte haben ihrem Leibwächter - dem Staat - so zugesetzt, dass dieser ohnmächtig in den Seilen hängt. Die ungelöste Bankenkrise wird zu einer existenziellen Bedrohung der europäischen Staaten, weil das Gewicht der Finanzmärkte auch die Rettungsboje der Staatshaushalte unter Wasser drückt.

Der Unmut in den Koalitionsfraktionen und auch die verbalen Entgleisungen des Kanzleramtsministers Pofalla gegenüber Kritikern der Euro-Rettung sind Ausdruck dieser weit verbreiteten Ohnmacht. In Europa wird nicht mehr regiert, Parlamente und Regierungen folgen den Imperativen der Finanzwelt.

Was für und was gegen geordnete Staatspleiten spricht

  • Pro: Schuldenmacher werden abgeschreckt

    Ein Mechanismus für eine Staatsinsolvenz könnte die nationalen Regierungen zu viel stärkerer Haushaltsdisziplin mahnen als die Kriterien von Maastricht allein.

  • Pro: Private Gläubiger müssen angemessenen Anteil leisten

    Für Andreas Haufler, VWL-Professor mit Schwerpunkt Wirtschaftspolitik in München, ist nur bei einer Staatsinsolvenz mit einem teilweisen Forderungsverzicht sichergestellt, dass auch die privaten Gläubiger einen angemessenen Beitrag zur Entschuldung leisten. Dies ist zwar auch unter dem ESM möglich, Hauffler befürchtet aber, dass die Kosten der Schuldenkrise unter den gegenwärtigen Bedingungen fast ausschließlich von den Steuerzahlern der Euro-Länder aufgebracht werden müssen.

  • Pro: Die Staatsinsolvenz hilft nicht zuletzt den Pleitestaaten selbst

    Laut VWL-Professor Hauffler würde eine Staatsinsolvenz mit anschließender Umschuldung eine effektive Entlastung für diejenigen Staaten bringen, die selbst bei größtmöglichen Sparanstrengungen mit der Bedienung der Zins- und Tilgungslasten überfordert sind. Dies gelte insbesondere für Griechenland. Ohne eine Umschuldung werden weitere Sparmaßnahmen in der griechischen Bevölkerung politisch bald nicht mehr durchsetzbar sein, glaubt Hauffler.

  • Pro: Eine geordnete Pleite ist für die Staaten billiger

    Zahlreiche namhafte Ökonomen – vom deutschen Hans-Werner Sinn bis zum US-Krisenpropheten Nouriel Roubini – sind der Ansicht, dass es billiger wäre, hochverschuldete Staaten wie Griechenland pleite gehen zu lassen und hinterher punktuell Banken zu retten oder zu stabilisieren. Hans-Peter Burghof, Wirtschaftsprofessor der Uni Hohenheim drückt es so aus: Es sei insgesamt billiger Griechenland in eine „gut organisierte Pleite“ zu schicken und dann einige Banken zu stützen.

  • Pro: Die Politik wird wieder handlungsfähig

    Die Politik befindet sich bei den Maßnahmen gegen Staatspleiten im Euro-Raum in einer Zwangssituation, konstatiert der deutsche Regierungsberater und Ökonom an der Uni Oxford, Clemens Fuest. Den Verantwortlichen bliebe mangels Alternativen zu immer weiteren Hilfsprogrammen nichts weiter übrig als immer weiter zu zahlen. – Es sei denn, ein Verfahren für eine geordnete Staatsinsolvenz würde eingeführt. Auch der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt stellt ernüchtert fest: Nur durch einen strukturierten Pleitemechanismus könne verhindert werden, dass es aus Sorge vor einer ungeordneten Insolvenz immer wieder zu kurzfristig beschlossenen Hilfspaketen auf Kosten der Steuerzahler komme.

  • Pro: Ab Juli 2013 soll es sowieso einen Pleitemechanismus geben

    Für den Zeitraum nach Einführung des dauerhaften Euro-Stabilitätsmechanismus ESM im Juli 2013 hält sogar Bundeskanzlerin Merkel eine geordnete Staatspleite für möglich. Kein Wunder, waren doch die ersten Vorschläge für den ESM 2010 auch maßgeblich auf Betreiben der deutschen Regierung auf die EU-Tagesordnung gesetzt worden. Der größte Nettozahler Deutschland ist nämlich grundsätzlich sehr daran interessiert, dass andere Euro-Länder zu Sparsamkeit gezwungen werden.

    Jüngste Andeutungen, auch von Finanzminister Schäuble, dass ein Vorziehen des ESM hilfreich wäre, werden wohl nicht in die Tat umgesetzt werden – zu hoch sind rechtliche, politische und finanzielle Hürden.

  • Contra: Das „moralische Risiko“

    Ist ein Insolvenzmechanismus erst einmal etabliert, besteht die Gefahr, dass eine Insolvenz bewusst in Kauf genommen wird, um die Schulden auf diesem Wege zu senken. Dagegen müssten Maßnahmen getroffen werden, etwa indem ein Antrag abgelehnt werden kann oder der Schuldner das Insolvenzverfahren auch bezahlen muss (dies kollidiert allerdings mit der Problemfrage „Wer stellt den Insolvenzantrag?“).

  • Contra: Wer stellt den Insolvenzantrag?

    Ein Insolvenzantrag eines anderen Landes würde wohl als eklatante Verletzung des Souveränitätsprinzips aufgefasst werden. Eine Institution wie der IWF habe aber das Problem, dass er nicht unabhängig sei, sagt Alexander Szodruch, Anwalt bei Latham & Watkins. „Er vereint als Gläubiger Richter und Partei in einer Person.“ Bleibt also nur noch der Pleitestaat selbst, dem es zur Bedingung für Notkredite gemacht werden könnte, dass er den Mechanismus einer Staatsinsolvenz auslöst.

  • Contra: Sparer könnten Geld verlieren, andere Staaten angesteckt werden

    EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, in den achtziger Jahren für das französische Finanzministerium selbst an einer Reihe von Umschuldungen in der Dritten Welt beteiligt, fürchtet, dass ein Bankrott in Europa für Chaos an den Märkten sorgt: dass Banken und Versicherungen zusammenbrechen, die den Staaten das Geld geliehen haben, dass Investoren in Panik geraten und ihr Geld aus ganz Europa abziehen, was zur Ansteckung ebenfalls gefährdeter Staaten führen könnte - und dass Anleger einen Teil ihres Ersparten verlieren.

  • Contra: Die EZB bräuchte eine Kapitalerhöhung - mit Steuergeld

    Klar ist, dass die EZB, die schon länger massiv Anleihen von hochverschuldeten Euro-Staaten kauft, eine Staatsinsolvenz, vor allem von Griechenland, hart treffen würde. Dies dürfe aber keinesfalls als Argument herhalten, um eine Zahlungsunfähigkeit mit allen Mitteln zu verhindern, sagen Kritiker. Schließlich müsse die EZB neutral bleiben – und wenn sie Verluste verbuche, müssten die Anteilseigner eben notfalls das Kapital der Zentralbank erhöhen. Genau das ist es aber, wovor die Politik Angst hat. Angela Merkel sprach von einem „nicht zu beherrschenden Domino-Effekt“. Zuletzt lehnte die österreichische Finanzministerin einen Schuldenschnitt für Griechenlands Gläubiger im Gespräch mit dem Handelsblatt genau mit Verweis auf eine mögliche EZB-Kapitalerhöhung ab.

  • Contra: Privatbanken müssten gerettet werden

    Ende September warnte der Präsident des deutschen Bankenverbands, Andreas Schmitz, davor, die Debatte um eine Staatspleite Griechenlands anzuheizen. Eine größere Beteiligung der Banken als der am 22. Juli 2011 beschlossene Anleihetausch, der den Privatsektor insgesamt mit rund 37 Milliarden Euro belasten würden, sei unmöglich.

  • Contra: Austrocknen des Interbankenhandels

    Zudem erwarten Experten nach einer Pleite eine Verschärfung der Vertrauenskrise im Finanzsystem. „Die Refinanzierungskosten für die Banken würden wohl noch weiter steigen“, warnt Ulrich Kater, Chefvolkswirt des Fondsdienstleisters Dekabank. Wie weit das führen kann, zeigte sich nach der Lehmann.Pleite 2008.

  • Contra: Sanftes Umschulden ist besser als Insolvenz

    Wozu über Staatspleiten spekulieren und die Märkte nervös machen, wenn es bessere Instrumente gibt? So oder so ähnlich argumentierten einige Banker in den letzten Monaten. Im Raum stehen etwa Brady-Bonds. Bei dieser vom US-Finanzminister Brady in den 80er Jahren erfolgreich gegen eine Schuldenkrise in Lateinamerika engesetzten Methode werden Staatsanleihen mit einem geringen Abschlag (haircut) gegen neue, von einer staatlichen Institution garantierte, getauscht.

    Eine für den Steuerzahler noch riskantere, zwischenzeitlich etwa von der Deutschen Bank ins Spiel gebrachte, „Brady debt swap“ genannte Variante: Die europäischen Staaten leihen Griechenland noch einmal Geld. Dafür kaufen die Griechen deutsche Staatsanleihen. Die Gläubiger Griechenlands könnten dann – freiwillig – griechische Anleihen mit einem Abschlag gegen deutsche tauschen.

134 Kommentare

Alle Kommentare lesen
  • 08.11.2011, 11:05 UhrJiota

    Die Deutschen muessen sich eines klar sein. Sie haben bis jetzt nur Profit gezogen sowohl aus der Krise als auch aus der Europaeischen Union und der Einfuehrung des Euro. Es ist Zeit fuer das auch was zu zahlen. Die Schulden der anderen Staaten sind Ueberschuessen bei den stark exportierten Laendern geworden. Daenemark, Luxemburg, Holland, Deutschland und Oesterreich muessen verstehen, dass dies vorbei ist. Mit ausgeliehenen Geldern haben die heute schwachen Staaten Exportgueter der heute starken Staaten konsumiert. So kann das nicht weitergehen.

  • 08.11.2011, 10:54 UhrVeritas

    Wunderbar wie Herr Lafontaine wieder tief in die Populismus-Kiste greift und zumindest einigen Kommentaren nach zu urteilen die Unzufriedenen der Republik an seinen Lippen hängen. Er bedient halt die gewünschten Feindbilder.
    1.) Die Banken sind wiedermal Schuld, denn schließlich haben nicht etwa die Griechen mit einem aufgeblähten Staatsapparat, abstrusen Prämien und einem Leben auf Pump ihren Schuldenberg angehäuft, sondern die "internationale Finanzmafia" hat sie dazu gezwungen.
    2.) Banken wären sowieso besser dran, wenn sie öffentlich-rechtlich organisiert wären, denn Banken wie die WestLB oder die HSH Nordbank haben die Finanzkrise völlig schadlos überstanden. Dazu gibt es nur im Privatsektor die Inkompetenz mit einer Differenz von 55,5 Milliarden falsch zu bilanzieren.
    3.) Verstaatlichung und undifferenzierte, künstliche Anhebung des Lohnniveaus haben in der Vergangenheit schon so gut funktioniert, dass die DDR zu ihrer Endzeit nicht nur unglaublich gesunde Staatsfinanzen, sondern auch besonders wettbewerbsfähige Betriebe hatte.

    Es gibt sicher genug Probleme sowohl im Funktionieren des Finanzsektors, als auch beispielsweise beim Lohnniveau (http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/realloehne-sinken-trotz-aufschwung-weiter/5803332.html).
    Diese Probleme lassen sich aber sicher nicht lösen, indem man große Reden schwingt und Klischees bedient.
    Es wird Zeit, dass sich die Politiker auch mal an die eigene Nase fassen, denn für die Staatshaushalte ist doch zuallererst einmal der Staat verantwortlich.

  • 08.11.2011, 09:37 UhrFreundHein

    Quark!
    Der Polenanteil im Weinbau ist stark geschrumpft, weil die Kalkulation für den Winzer mit über 10 €/h eben nicht mehr aufgeht.
    Winzer gehen nach Versuchen mit Rumänen allerdings dazu über, wieder vermehrt Polen einzusetzen und verstärkt zu mechanisieren, um die Lohnkosten zu begrenzen.
    Nicht jeder Winzer kann Scharzhofberger-Preise durchsetzen.

    Das ist nur mal so ein Detail. Das Leben ist eben ganz anders, als die Schreier (und da ist Quellnix ganz vorne dabei!) es in Ihrer Demagogie darstellen.
    Demokratie ist jedenfalls schwierig und unbequem. Der Michel mag das nicht. Die Erklärung dazu liefert der Beitrag 'Soziale Unruhen' auf http://www.wdr2.de/sendungen/wdr2zugabe/zugabe_nachhoeren186.html

    Selten eine so trefffende Analyse gehört. Zugespitz, widersprüchlich und wahr!

  • Die aktuellen Top-Themen
Steueroasen: Konzerne sehen sich zu Unrecht am Steuer-Pranger

Konzerne sehen sich zu Unrecht am Steuer-Pranger

Deutschlands große Unternehmen wehren sich gegen die Unterstellung, den Fiskus zu betrügen. Es seien ja gerade die Regierungen gewesen, die gezielt steuerliche Anreize geschaffen hatten - mit Billigung der EU.

HSBC-Index: Chinas Industrie im Mai geschrumpft

Chinas Industrie im Mai geschrumpft

Es gehen bei der chinesischen Industrie weniger Aufträge ein, der Binnenmarkt kann die fehlende Auslandsnachfrage nicht auffangen. Die chinesische Industrie ist im Mai geschrumpft.

Während eines Verhörs: FBI tötet Mann mit Kontakt zu Boston-Bombern

FBI tötet Mann mit Kontakt zu Boston-Bombern

Der Mann war eigentlich nur zu einem Verhör geladen worden. Er wurde nicht verdächtigt, in das Attentat von Boston verwickelt zu sein. Doch bei der Befragung wurde der Freund des Attentäters gewalttätig.

Handelsblog Pekings gefälschtes Ikea-Möbelhaus

Am meisten haben es mir die blau-gelben Polohemden der Möbelberaterinnen angetan. Der Schriftzug links auf der Brust lautet zwar „Joyme“, nicht „Ikea“, doch ansonsten wirken sie so schweden-mäßig, wie das überhaupt nur sein kann. Doch... Von Finn Mayer-Kuckuk. Mehr…