Gastbeitrag
Wie Merkel das Erbe Deutschlands verspielt

Merkel ist bald elf Jahre im Amt. Wie hat sich das Land unter ihr verändert? Parteienforscher Dittberner hat die Große Koalition und die Kanzlerin von Beginn an beobachtet – und zieht eine ernüchternde Bilanz. Ein Gastbeitrag.

Nach der nationalen Katastrophe von 1945 entstand im Westen Deutschlands eine Republik, die sich durch Demokratie, Wohlstand, Friedfertigkeit und Maß auszeichnete. Nicht, dass den „Westdeutschen“ alles in den Schoß gelegt wurde. Alles wurde erarbeitet und nach und nach erkämpft.

Doch nun wird so viel vertan.

Der Parlamentarische Rat – dieses Ur-Gremium Westdeutschlands – schuf ein „Grundgesetz“ – keine „Verfassung“ – für die spätere Bundesrepublik. Darin wurden Lehren aus der jüngsten deutschen Geschichte fixiert: Dem hemmungslosen Zentralismus des untergegangenen „Führer“-staates wurde ein wirkungsvoller Föderalismus entgegen gesetzt. Der Verachtung der politischen Parteien folgte deren Aufwertung. Viele Rechte des Staatsoberhauptes gingen an den Kanzler über. Politisch Verfolgten wie zuvor die Juden oder Bibelforscher wurde Asyl angeboten. Vor allem aber: Im Mittelpunkt aller Politik sollte der Mensch, nicht die Nation oder der Staat stehen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Die erste Bundesregierung unter Konrad Adenauer festigte den neuen Staat nach innen und außen. Nach Innen setzte sie die Ächtung des politischen Extremismus rechts und links durch, denn beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe beantragte diese Regierung, dass die rechte SRP einerseits und die linke DKP andererseits verboten würden. Sie war damit erfolgreich. Zugleich integrierte die Regierung die Bundesrepublik in die westliche Staatenwelt. „Westintegration“ hieß das.

Heftig und oft außerparlamentarisch war der Streit um die Rolle des Militärs in den fünfziger Jahren. Im Zuge der Westintegration wurde die Bundeswehr schließlich gegen viel Widerstand gegründet - als Landesverteidigungsarmee und beherrscht von den Westmächten einerseits sowie vom Bundestag anderseits. Der Militarismus früherer Zeiten sollte aus den Kasernen verbannt werden. Dafür sorgte das Konzept des „Staatsbürgers in Uniform“.

Zugleich krempelten die Nachkriegsdeutschen die Ärmel hoch. Sie bauten ihr Land wieder auf, schufen Straßen, Fabriken und Handelsunternehmen. Der Wirtschaftsminister Ludwig Erhard setzte auf den geläuterten Neoliberalismus und führte die „soziale Marktwirtschaft“ ein. So, zudem befeuert durch die Wirtschaftshilfe des „Marshallplanes“ der Amerikaner. entstand das „Wirtschaftswunder“.

Nach dem ersten Staatengründer Konrad Adenauer kam ein zweiter. Es war ein parteipolitischer Glücksfall, dass der nicht Christ-, sondern Sozialdemokrat war: Willy Brandt. Nach Innen und Außen verankerte er mit seiner Regierung die Bundesrepublik abermals. Unter dem Stichwort „Mehr Demokratie wagen“ füllte er die formale Demokratie mit Inhalten. Ideen, Bewegungen und Initiativen kamen neben den bekannten politischen Institutionen auf das Feld der Politik und wurden dort akzeptiert. Flankiert von der „Westintegration“ erfolgte die Aussöhnung mit dem Osten Europas, dem die Nazis viel Leid angetan hatten. Die „Neue Ostpolitik“ sicherte den Frieden im einst kriegerischen Europa.

So wurde Deutschland stark. Die frühen Erben von Adenauer beherzigten die Lehren der Vergangenheit. Helmut Kohl spielte in Europa nicht den starken Mann, sondern stimmte sich mit kleinen Staaten ab, wenn es auf dem alten Kontinent um etwas Wichtiges zu gehen schien. An Kriegen der Westmächte beteiligt er sich nicht; er kaufte sich frei. Im westlichen Ausland lästerte man halb bewundernd, lange würde Westdeutschland das alles nicht bezahlen können.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%