Gastbeitrag zum toten Jungen von Bodrum
„Manchmal braucht es das Bild, um aufzurütteln“

In der Flüchtlingskrise sorgen Bilder des ertrunkenen Jungen Kurdi für Aufsehen. Sie zu zeigen, sei richtig, meint der Medienwissenschaftler Pörksen. In seinem Beitrag erklärt er, was solche Schockfotos bewirken können.

Es ist ein Bild, das erschüttert. Ein kleiner Junge am Strand der türkischen Stadt Bodrum, das Gesicht den heranspülenden Wellen zugewandt. Nach dem ersten, flüchtigen Blick könnte man meinen, dass sich hier ein kleines Kind zu nah ans Wasser gelegt hat, einfach um das Meer zu schmecken. Kinder machen so etwas. Aber dieses Kind, Aylan Kurdi, drei Jahre alt, ist tot, gestorben auf der Flucht vor dem Terror im syrischen Kobane, ertrunken auf der Suche nach einer besseren Zukunft.

Es ist die dramatische Dokumentation eines Opferschicksals, das wir hier sehen – wer könnte unschuldiger sein als ein dreijähriger Junge? Es ist ein Symbolbild der Flüchtlingskrise. Und es ist ein Schandbild, das die unterlassene Hilfeleistung der europäischen Wertegemeinschaft belegt. Dieses Bild bohrt sich durch den mentalen Schutzwall der Verdrängung, der wir uns schuldig gemacht haben.

Nun gibt es eine Debatte im Journalismus und in den sozialen Netzwerken darüber, ob man ein solches Foto überhaupt zeigen darf. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die, den Pressekodex in der Hand, sagen, dass hier die Würde eines Toten verletzt wird und ein solches Foto womöglich nur Sensationsinteressen bedient. Auf der anderen Seite finden sich jene, die dieses Bild für ein Dokument der Zeitgeschichte halten und an die Informationspflicht des Journalismus erinnern.

Für beide Positionen lassen sich Argumente finden, und es wäre ein Ausdruck von Dummheit, so zu tun, als gebe es in einer ethisch-moralischen Debatte klare, selbstverständlich gültige Maximen, eindeutige Schwarz-Weiß-Positionen und als sei im Sinne letzter Eindeutigkeit eigentlich alles klar. Nein, klar und selbstverständlich ist nichts. Eben deshalb muss man diskutieren. Und der aktuell laufende Bilderstreit im Journalismus ist schon ein Wert an sich, weil Redaktionen von der „Bild“ bis zur „Süddeutschen Zeitung“, vom „Handelsblatt“ bis zum „Stern“ ihre Maßstäbe offenlegen, ihre Entscheidung erklären und begründen müssen.

Das ist, im Übrigen, ohnehin die einzige Möglichkeit, die Journalisten und allen, die verlinken und posten, in der gegenwärtigen Mediensituation bleibt: die transparente Begründung des eigenen Vorgehens, nicht aber die Verhinderung von Öffentlichkeit. Denn wer wollte ein Foto unterdrücken, das längst global zirkuliert? Wer wollte tatsächlich unter den heutigen Bedingungen effektive Bildkontrolle praktizieren? Das ist vorbei, denn wir leben im Zeitalter der barrierefreien Ad-hoc-Publikation, der weitgehend unkontrollierten Streuung von Daten und Dokumenten.

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„Bilder können politisch werden und eine andere Praxis initiieren“

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