_

Gastkommentar: „Das Märkte-Chaos ist geradezu aberwitzig“

exklusiv Die Kursstürze sind drastisch und schrecken die Politik auf. Doch Top-Ökonom Michael Hüther zweifelt an der Sinnhaftigkeit der Reaktionen. Er kann dem Chaos sogar etwas Positives abgewinnen.

Michael Hüther. Quelle: dapd
Michael Hüther. Quelle: dapd

Der Kursrutsch an den internationalen Börsen ist nicht durch ein besonderes Vorkommnis oder neue Informationen zu erklären, sondern einzig dadurch, dass sich an den Finanzmärkten neue Bewertungen bekannter Fakten durchsetzen. Es ist ja geradezu aberwitzig, dass in dem Maße, in dem die Staaten das Schuldenproblem angehen und Maßnahmen auf den Weg bringen, die Märkte und die Ratingagenturen solche dramatischen Reaktionen zeigen. Wer jetzt argumentiert, dass die Kapitalmärkte (und die Ratingagenturen) informationseffizient seien, der ist entweder blind oder naiv.

Anzeige

Denn die Schuldenkrise hat doch auch damit zu tun, dass die Märkte zuvor – im Falle Griechenlands seit 2001 – nicht genau hingeschaut haben und unabhängig von der Entwicklung der Auslandsverschuldung des Staates und der Schuldenstandsquote eine positive Stimmung hatten, wie die niedrigen Spreads der griechischen Staatsanleihen zur Bundesanleihe bis in den Herbst 2009 dokumentieren.

Fragen und Antworten zur Entwicklung auf den Märkten

  • Wie geht es weiter an den Börsen?

    Politiker verunsichern durch ihre Uneinigkeit die Märkte immer aufs Neue. Gestern schlug EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor, den Krisenfonds EFSF aufzustocken. Das Bundesfinanzministerium wies den Vorschlag postwendend zurück. Derartige Debatten sind Gift für Aktien.

  • Wieso fällt die Rendite von Bundesanleihen?

    Angesichts der unsicheren Situation flüchten Anleger in sichere Häfen wie Bundesanleihen. Deutschland wird große Stabilität zugetraut, da die größte Volkswirtschaft Europas robust wächst. Der Bonitäts-Tüv, die Ratingagenturen, bewerten Deutschland weiterhin mit der Bestnote „AAA“. Das kann in unruhigen Zeiten gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Anleger befürchten, dass Italien und Spanien von der Schuldenkrise überrollt werden. Inzwischen liegt die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bei 2,28 Prozent. Zieht man die Teuerung ab, liegt die Real-Verzinsung erstmals seit 54 Jahren wieder bei null Prozent.

  • Wie reagieren Anleger?

    Anleger trauen den Maßnahmen nicht, die zur Lösung der Schuldenkrisen in den USA und Europa ergriffen wurden. Sie fordern den Abbau der Schulden etwa durch höhere Steuern. Außerdem geht die Angst vor einer Wirtschaftskrise um. Gerade in den USA fielen zuletzt wichtige Konjunkturkennzahlen wie der Einkaufsmanagerindex schlecht aus. In dieser Situation verkaufen Anleger alles, was ihnen riskant erscheint. Dazu zählen insbesondere Aktien.

  • Wie sollten sich Privatanleger jetzt verhalten?

    Ganz sicher sollten Privatanleger sich nicht von der allgemeinen Panik anstecken lassen. Nachdem der Dax in sieben Handelstagen rund Punkte 1000 gefallen ist, wären sie mit einem Verkauf ohnehin zu spät dran. Stattdessen empfehlen die meisten Experten, noch einige Tage oder gar Wochen abzuwarten und dann gezielt nach soliden Einzelaktien zu schauen, die zu sehr gelitten haben. Insgesamt sagen die meisten Banken bis zum Jahresende wieder steigende Kurse voraus.

  • Was verstärkt den Abwärtstrend?

    Es sind unter anderem die Segnungen des modernen Computerhandels. In der jetzigen Zeit, da viele Anleger in Urlaub sind, haben sie zur Absicherung sogenannte Stop-Loss-Limits eingezogen. Das heißt, diese Verkaufsorders werden automatisch ausgelöst, wenn bestimmte Kursschwellen unterschritten werden. Das verstärkt den Abwärtstrend, da zu den vorhandenen Verkaufsorders ständig weitere dazukommen. Werden damit wieder Marken nach unten durchbrochen, kommen automatisch noch einmal Verkaufsorders dazu. So wird aus einem zunächst übersichtlichen Abwärtstrend im Extremfall ein massiver Kurseinbruch.

  • Wer ist besonders betroffen?

    Alle Aktien leiden. Rund 100 Milliarden Euro hat der Dax in den vergangenen Tagen an Börsenwert verloren. Gerade die zyklischen Werte, die in konjunkturellen Boomphasen zuletzt stark gefragt waren, leiden besonders stark.

  • Ein Paradebeispiel

    Die Aktie des Halbleiterproduzenten Infineon steigt stets am stärksten von allen 30 Werten, wenn es mit der Konjunktur bergauf geht. Und sie fällt dann als erste, wenn der Wendepunkt erreicht ist. Das ist auch dieses Mal so. Sieben Prozent lag die Aktie gestern im Minus. Aber auch andere Zykliker wie die Auto-, Bau- und Industriewerte geraten unter Druck. Unter den Bankaktien hat es besonders die Commerzbank getroffen. Rund 20 Prozent betrug der Verlust in den vergangenen sieben Handelstagen, fast 60 Prozent sind es seit Anfang März.

Finanzmärkte sind nicht in dem Maße informationseffizient, dass sie fortlaufend risikoadäquate Preise stellen, vielmehr sanktionieren sie sprunghaft über die Einschränkung der bereitgestellten Liquidität. Nun scheint auch der Letzte aufgewacht zu sein.

Das Szenario einer Weltwirtschaftskrise erscheint mir wenig plausibel, da erstens kein schockartiges Event wirkt – wie im Falle der Lehman Insolvenz – und zugleich alle Staaten mehr oder weniger angemessen das Schuldenproblem angehen. Zweitens hat sich in den Jahren 2009 und 2010 gezeigt,  wie wenig die Industrie in ihrer Finanzierung durch Finanzmärkte und Banken beschränkt wurde. Drittens ist derzeit auch noch nicht zu erkennen, dass die Bankensysteme in gleicher Weise wie vor drei Jahren destabilisiert werden. Die Risikovorsorge hat sich verbessert, die Robustheit tendenziell ebenfalls.

Entscheidend ist letztlich, in welchem Maße sich die Unternehmen in ihrem Investitionsverhalten verunsichern lassen. Dafür haben wir bisher keine Hinweise. Die Megatrends im globalen Strukturwandel jedenfalls tragen und sprechen für einen stabilen Investitionstrend.

Bilanz einer Horrorwoche

Die Frage bleibt, was kann politisch getan werden. Wenig hilfreich ist der Versuch von Barroso, den Märkten hinterher zu laufen. Politik signalisiert damit, dass sie die eigenen Beschlüssen von Ende Juli als unzureichend bewertet. Man muss auch mal schweigen können! Vielmehr sollte die Ernsthaftigkeit der Sanierungsbemühungen für die öffentlichen Haushalte betont werden, immerhin steht selbst Griechenland für 2012 vor einem kleinen Primärüberschuss. Ob Marktinterventionen der Zentralbanken helfen, wage ich zu bezweifeln. Ruhige und verlässliche Kommunikation sollte die Fakten betonen. Vielleicht sind die Kurskorrekturen auch gar nicht so schlecht, die Aktien sind billig, es sind Kaufkurse!“

Michael Hüther ist Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW).

Historische Kursstürze Die schwärzesten Börsentage aller Zeiten

  • Historische Kursstürze: Die schwärzesten Börsentage aller Zeiten
  • Historische Kursstürze: Die schwärzesten Börsentage aller Zeiten
  • Historische Kursstürze: Die schwärzesten Börsentage aller Zeiten
  • Historische Kursstürze: Die schwärzesten Börsentage aller Zeiten

  • 07.08.2011, 18:53 UhrAnonymer Benutzer: PikAs

    an die Redakteure vom Handelsblatt:

    FRAGT DOCH MAL PROF. HANKEL ZU DIESEM THEMA! Kontakt gibt es unter www.dr-hankel.de

    Seine derzeitige Einschätzung würden bestimmt viele gerne lesen!

  • 07.08.2011, 18:48 UhrAnonymer Benutzer: PikAs

    @Atinak

    Ich stimme Ihnen 100%ig zu. Man sollte auch noch erwähnen, dass man in Deutschland mittlerweile keine Rechtssicherheit mehr hat. Die Gesetze werden schneller gewechselt als bei manchen die Unterhosen.

    Als kleiner oder mittelständischer Unternehmer hat man in Deutschland mittlerweile keine Lust mehr!

  • 06.08.2011, 19:36 UhrZeitzeuge

    @ Moika & Jens: Ihr armen Wichte!

  • Die aktuellen Top-Themen
Wüstenrot-Studie: Jeder dritte Deutsche fürchtet Immobilienblase

Jeder dritte Deutsche fürchtet Immobilienblase

Rund 44 Prozent der Deutschen halten die Preise für Häuser und Wohnungen für deutlich überhöht. Sie fürchten sich vor einer Immobilienblase. Vor allem die Bürger eines Bundeslandes sind besonders skeptisch.

Politik versus Wirtschaft: Wie viel Kritik ist erlaubt?

Wie viel Kritik ist erlaubt?

Für Politiker sind Megaveranstaltungen wie der ESC in Aserbaidschan und die WM in Katar Anlass, mehr Demokratie zu fordern. Deutsche Unternehmen hoffen jedoch auf Großaufträge - und geraten schnell zwischen die Fronten.

Weltwirtschaftswachstum: EU rüffelt China, Japan und die USA

EU rüffelt China, Japan und die USA

EU-Kommissionspräsident Barroso und Ratspräsident Van Rompuy fordern, dass alle G20-Länder das Weltwirtschaftswachstum fördern. Europa sei seiner Verantwortung nachgekommen, hieß es, jetzt seien die anderen dran.