Gastkommentar
Die Politiker prügeln auf die falschen ein

Leben wie die Griechen, borgen wie die Deutschen: Das hat Euro-Land in Brand gesetzt. Moody's und Co. sind nur die Rauchmelder.
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Wie würden wir jemanden nennen, der sein Thermometer zertrümmert, weil er sich über den Frosteinbruch ärgert - oder seinen Rauchmelder abhängt, weil ihn das Piepsen nervt? "Irrational" - und ihm raten, zur Pelzmütze zu greifen oder das anbrennende Schnitzel vom Herd zu nehmen.

So irrational verhalten sich die Wutpolitiker gegenüber den Ratingagenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch. Die sind amerikanisch, also wollen sie den Euro grundsätzlich fertigmachen - als private Handlanger des US-Imperialismus. Daraus folgt messerscharf, dass die drei die PIIGS-Staaten vorsätzlich in den Ruin treiben, wenn sie diese in der Bonität herabstufen. EU-Kommissarin Viviane Reding kennt zwar nicht die Materie, aber den Feind: "Europa darf sich nicht von drei US-Privatfirmen kaputtmachen lassen."

Unser aller Onkel Sigmund nannte das "Verschiebung": Der eigentlich Schuldige bleibt unbehelligt, weil die Wahrheit schmerzt und zu kompliziert ist, also greift man sich ein leichteres Opfer. Den Sündenbock haben die Israeliten erfunden; der Volksmund nahm Freud voraus: "Er schlägt den Sack, aber meint den Esel." Ein anderer Freud'scher Bekannter ist die Verdrängung. Warum nicht, so EU-Kommissar Barnier, die Bewertungen so lange suspendieren, wie notleidende Staaten den Beistand Europas brauchen? Ein deutscher Jura-Professor will die Agenturen verbieten. Kinder machen das auch so: Sie schlagen die Hände vor die Augen und krähen: "Ich bin nicht da."

Noch absurder wird es, wenn die Europäische Zentralbank den Agenturen übertriebene Strenge mit den PIIGS ankreidet, selber aber keinesfalls Papiere mit D-Rating - D für Default - als Sicherheit akzeptieren will. Wie haben wir es denn?

Wer die echten Schuldigen sind, liegt auf der Hand. "Schuld" und "Schuldner" haben denselben Wortstamm. Die PIIGS haben gelebt wie die Griechen und geborgt wie die Deutschen, weil sie in der Währungsunion plötzlich viel weniger Zinsen für Euro-Bonds zahlen mussten als für Drachmen- und Lira-Anleihen. Jetzt ist die offizielle Pleite der Griechen nur noch eine Frage der Zeit. Die Schuld liegt, zweitens, bei der EU, deren Entscheidungsgremien nicht für den Stresstest dieser Krise ausgelegt sind. Wie sollen auch 27 Staaten ohne Führung entschlossen handeln? Drittens die "Märkte", dieses unsäglich abstrakte Wesen mit Hunderttausenden von Akteuren, die sich nicht fassen lassen.

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  • Herr Joffe, von dem ich sonst einiges halte, hat zwar Recht mit den Rating-Aenturen, aber ansonsten ist er auch, wie die Politker, voll auf Euro-Kurs widfer alle Vernunft
    Wann kommt eigentlich mal diesen, doch eigentlich intelligenten, Männern die Einsicht, dass der Euro alle Länder zerstört hat, da man ein Kunstgeld allen übergestülpt hat, obwohl jedes Land eine andere Wirtschaftsleistung hat und auch sonst eine andere Lebensweise.
    Und genau dieser Euro ist das eigentlich Kriminelle, was jetzt alle Länder in den Abgrudn zieht. Denn auch Deutschland wird demnächst pleite sein
    Von einem Mann wie Herrn Joffe, hätte ich mehr erwartet

  • Schade H. Joffe, dass SIE genauso uneinsichtig wie die Politiker sind. Maßstab für Europa sollten eben nicht amerikanische Agenturen sein, sondern europäische mit eigenen Kennzahlen. Dazu gehört auch ausdrücklich die Akzeptanz von stillen Reserven, die in den USA verboten sind.

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