Gastkommentar
Merz: „Europa steht am Scheideweg“

Der frühere Chef der Unionsfraktion im Bundestag, Friedrich Merz, sieht noch große Risiken auf die Euro-Zone zukommen. Entscheidend sei es, dass der gesamte Euro-Raum genügend Wettbewerbsfähigkeit entwickele.
  • 32

DüsseldorfDie politischen Parteien in Italien und Griechenland seien offensichtlich nicht mehr in der Lage, das politische Führungspersonal zu stellen, das in den Augen der Bevölkerung Vertrauen genießt und zugleich die Kompetenz hat, ihre jeweiligen Länder aus der Krise zu führen. „Monti und Papademos brauchen aber schon bald und immer wieder die Zustimmung der Parlamente, um ihre notwendigen und anspruchsvollen Reformen durchzusetzen“, schreibt Merz in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Die entscheidende Frage werde allerdings sein, ob die Euro-Staaten in der Lage sind, in der mittleren Frist die Ursachen für die Verschuldungskrise zu beseitigen. Dazu gehöre neben dem Ausgabeverhalten der Regierungen und Parlamente vor allem die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit großer Teile des Euro-Raums in einem sich verschärfenden globalen Wettbewerbsumfeld. „Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und leider auch Frankreich haben es sich in der Währungsunion zunächst sehr bequem gemacht. Überall dort sind die verfügbaren Nettoeinkommen der privaten Haushalte schneller gestiegen, als es die volkswirtschaftliche Leistung hergab. Steigende Staatsverschuldung, überproportional steigende Lohnstückkosten und damit einhergehend ein Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit sind der Preis dafür.“

Besonders kritisch schätzt Merz den Zahlungsverkehr der Zentralbanken im Euro-System untereinander für die Abwicklung von großen Überweisungen ein. „Hier entwickelt sich seit Ende 2007 ein zunehmendes Ungleichgewicht zwischen den Euro-Staaten, auf das der Chef des Ifo-Instituts, Werner Sinn, und andere seit längerem mit größer werdendem Nachdruck hinweisen.“ Das Ungleichgewicht habe mittlerweile dramatische Dimensionen angenommen.

Im sogenannten „Target-2-System“ stehen zusätzlich zu den bereits eingegangenen Verpflichtungen durch die verschiedenen Rettungspakete mittlerweile rund 600 Milliarden Euro an weiteren Verpflichtungen in den Büchern, davon allein zulasten der Deutschen Bundesbank rund 500 Milliarden Euro. „Die Risiken für den Fortbestand des Euros sind durch die Verschuldung in Target 2, das eigentlich ein reines Zahlungsabwicklungssystem sein sollte, signifikant weiter gestiegen. Wenn ein Mitgliedstaat aus dem Euro ausscheiden sollte, und für Griechenland wird die Wahrscheinlichkeit trotz aller Rettungsbemühungen täglich größer, entsteht ein Abschreibungsbedarf u.a. bei der Bundesbank, der deren Eigenkapital weit übersteigt.“ Europa stünden noch sehr harte Zeiten bevor.

Kommentare zu " Gastkommentar: Merz: „Europa steht am Scheideweg“ "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • f. merz hat völlig recht mit dem problem target2. übrigens war noch 2007 die verschuldung über target gleich null!!
    das schlimme ist, das kaum bekannt ist, dass dies neben den schutzschirme eine heimlich gemachteneue versculung ist!
    k.jacobi stuttgart

  • Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und leider auch Frankreich haben es sich in der Währungsunion zunächst sehr bequem gemacht.
    ----------------------------------------------------
    Die Beiträge des Herrn Merz sind ausnahmslos von bemerkenswerter Scharfsinnigkeit und bringen es auf den Punkt !!!
    Wenn zb. in Griechenland überhaupt noch was gerettet werden könnte , dann nur mit einer art Zwangsverwaltung wie wir es in deutschen Kommunen kennen .
    Ich fürchte aber , das kommt in Griechenland zu spät .
    In Spanien und Italien sollten wir sofort damit beginnen , wenn sie ihre wirklich hochgesteckten Sparziele nicht erfüllen .

  • Ihr Kommentar hebt sich wohltuend von etlichen anderen hier ab. Die Analyse von Merz kann ich ebenfalls nur unterstreichen.

    Im Hinblick auf eine langfristig angelegte Strategie zur Erhöhung der ökonomischen Leistungsfähigkeit halte ich den Austritt von Griechenland aus der Eurozone für richtig. Der Weg über den Außenhandel mit einer abgewerteten eigenen Währung ist ja mit dem Euro verbaut.

    Die bisherigen Schulden des griechischen Staates müßten in Euro verbleiben, jedoch erheblich zeitlich gestreckt werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%