Gay-Community von Sydney: Dollar in Pink

Gay-Community von Sydney
Dollar in Pink

Wie die australische Metropole Sydney von ihrer schrillen Gay-Community profitiert.
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SYDNEY. Mit über vier Millionen Menschen ist Sydney Australiens größte Metropole - und ein Magnet für Leute, die anderswo durchs Raster der Normalität fallen würden. Jedes Jahr strömen Tausende junger Arbeitskräften aus dem Ausland in die Stadt. Täglich treffen hier Welten aufeinander, mischen sich, setzen kreative Energie frei. Da ist etwa der Taxifahrer aus Nairobi, der in einer Jazzband spielt. Der Tellerwäscher aus Südkorea, der Salsa-Kurse gibt. Oder der Londoner Investmentbanker, der abends gern in Stöckelschuhen das Haus verlässt.

"Es juckt uns nicht, wenn wir Männer in Frauenkleidern sehen", behauptet Carl Bonwick, Produktionsleiter von "Priscilla - Queen of the Desert", dem derzeit schillernsten Musical der Stadt. Das Bühnenstück handelt von drei exzentrischen Drag Queens, die mit einem Überlandbus quer durchs Outback fahren, um das ländlich-konservative Alice Springs aufzumischen. Die meisten Bürger finden die Show nicht anstößig, manche sind sogar stolz auf den Ruf ihrer Stadt als Mittelpunkt der Transvestitenszene im asiatisch-pazifischen Raum.

Das war nicht immer so. Noch bis ins späte 20. Jahrhundert hinein rief die Sittenpolizei Frauen im Bikini zur Ordnung, Homosexualität war strafbar und eine rassistische Migrationspolitik verbannte farbige Nicht-Europäer aus dem Land. Am gesellschaftlichen Befreiungsschlag, der sich Mitte der Siebzigerjahre vollzog, waren Homosexuelle maßgeblich beteiligt. Als 1978 in Sydney ein Solidaritätsmarsch der Schwulenbewegung gewaltsam niedergeschlagen wurde, entflammte öffentlicher Protest. Das Klima änderte sich. Nicht nur für Schwule. Inzwischen besitzt Sydneys Gay-Festival "Mardi Gras" weltweite Strahlkraft. Rund 450 000 Besucher verfolgen in diesen Wochen die schrille Party, die Anfang März in einer bunten Kostümparade gipfelt. Der Bundesstaat New South Wales profitiert mit mehr als 46 Millionen Dollar von dem Spektakel, ergab eine Wirtschaftlichkeitsanalyse. Die nationale Fluggesellschaft, Banken und Telekomunternehmen sponsern das Ereignis. Musicalproduzent Bonwick: "In Sydney hat der pinke Dollar echten Einfluss."

Im Dezember 2005 holten Sydney indes die Schatten der Vergangenheit ein, als im Randbezirk Cronulla ein fremdenfeindlicher Mob Straßenschlachten anzettelte, nachdem Halbstarke libanesischer Herkunft zwei Strandwächter verprügelt hatten. Der Vorfall erschütterte das Selbstverständnis der Großstadt-Australier. "Wir waren geschockt", sagt Ray Bradbury, Präsident der örtlichen Handelskammer. "Jeder von uns hat sich gefragt: Sind wir wirklich so? Aber, nein, so sind wir nicht." Damien Eames, Marketingmanager von New Mardi Gras, dem Veranstalter des Festivals, sieht das ähnlich. Er hat selbst das Gegenteil erlebt. Als bei einem Fußballspiel zwischen dem FC Sydney und einem Provinzverein jüngst schwulenfeindliche Parolen fielen, hätten die Sydney-Fans zurückposaunt: "We are queer! We are here! We drink a lot of beer!" ("Wir sind andersrum! Wir sind hier! Wir trinken jede Menge Bier!"). "Schwer vorstellbar", sagt Eames, "dass so was in einer anderen Stadt in der Welt passiert."

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