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11.04.2008 
Kurt Biedenkopf und Burkhard Schwenker im Interview

„Gebühren ohne Stipendien diskriminieren“

von Barbara Gillmann

Während in Hamburg und Hessen die von der Union eingeführten Studiengebühren von den neuen Parlamenten in Kürze wieder abgeschafft werden dürften, mehrt sich auch die Gegenwehr aus den Reihen der Christdemokraten und der Wirtschaft. Herbe Kritik an den Gebühren der Unionsländer äußern der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und der Chef des Beratungsunternehmens Roland Berger, Burkhard Schwenker im Handelsblatt-Interview.

Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf: "So wie wir es machen, ist es falsch." Foto: apLupe

Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf: "So wie wir es machen, ist es falsch." Foto: ap

Handelsblatt: Die Wirtschaft klagt, die neuen Bachelorabsolventen wüssten zu wenig.

Biedenkopf: Noch nehmen viele Unternehmen den Bachelor als Studium zweiter Klasse wahr, und nicht als ein Berufseingangsexamen. Das muss sich ändern.

Schwenker: Diplomstudiengänge auf Bachelor und Master umzustellen geht grundsätzlich zulasten der Breite und des theoretischen Fundaments unserer Ausbildung. Deswegen bin ich nie ein Freund davon gewesen. Bemerkenswert ist jedenfalls: während wir hier auf das internationale System umstellen, sind die führenden US-Hochschulen dabei, ihre Ausbildungspfade wieder breiter anzulegen. Womöglich sind wir auf einen Zug aufgesprungen, der bereits abgefahren ist. Aber jetzt muss man der Reform erst einmal Zeit geben. Vor allem die mittelständischen Unternehmen sind mit dem neuen System bislang nur wenig vertraut.

Ist der Bachelor mit sechs Semestern zu kurz?

Schwenker: Die Grundidee lautet: eine kurze wissenschaftliche Grundausbildung, danach Praxis in Unternehmen und dann der Master, womöglich in einer anderen Disziplin. In England etwa studieren junge Leute Literatur, gehen dann in die Wirtschaft, die auch bereit ist, sie zu beschäftigen, und absolvieren danach einen Master. Von dieser Tradition sind wir noch weit entfernt. An den Hochschulen wird der nahtlose Übergang vom Bachelor zum Master dominieren, der ohne Praxis aber zu kurz greift. Und die Wirtschaft sieht es noch keinesfalls als normal an, Leute zwei Jahre zu beschäftigen und sie dann für den Master freizustellen.

Biedenkopf: Wenn sich zeigt, dass für eine marktfähige Ausbildung sieben Semester nötig sind, muss man das diskutieren.

Manche fürchten eine Verschärfung der sozialen Kluft: Bachelor für die Armen, Master für die Reichen.

Schwenker: Ich fürchte, das könnte zutreffen. Bei uns bekommen kaum zwei Prozent der Studenten ein Stipendium, in den USA fast 50, an Eliteunis sogar 70 Prozent und mehr. Der in Deutschland ohnehin sehr enge soziale Trichter in der Bildungspolitik könnte sich also weiter verengen. Und ohne Stipendien schrecken die neuen Studiengebühren doch etliche Schulabgänger ab.

Biedenkopf: Jedes normale Gebührensystem der Welt hat Stipendien – es erwartet nur von denen Gebühren, die sie bezahlen können.

Aber nicht so in den Unionsländern, die Gebühren eingeführt haben...

Biedenkopf: So wie wir es machen, ist es falsch. Jede Privatuniversität in den USA, aber auch private Hochschulen in Deutschland wie die Hertie school of governance wählt Studenten nach ihren Fähigkeiten und Eignungen aus. Wer die Gebühren nicht zahlen kann, bekommt ein Stipendium. So sollte das auch an staatlichen deutschen Hochschulen sein. Gebührenregelungen ohne Stipendien diskriminieren zugunsten der besser Gestellten - das gilt dann für den Bachelor wie für den Master.

Bund und Länder ringen noch, ob sie ein Stipendiensystem etablieren. Muss die Wirtschaft mehr tun?

Schwenker: Führende Unternehmen stellen sich um. Roland Berger etwa stellt Bachelors ein und hilft den Guten nach ein, zwei Jahren das Masterstudium zu finanzieren.

Biedenkopf: Bald werden Unternehmen auch guten Abiturienten anbieten: wenn sie sich verpflichten, die ersten fünf Jahre im Unternehmen zu arbeiten, übernehmen sie die Kosten des Studiums.

Hochschulen und Wirtschaft bewegen sich neuerdings aufeinander zu, die praktische Zusammenarbeit lässt aber noch zu wünschen übrig.

Schwenker: Die Wirtschaft bewegt sich und führende Unternehmen stellen sich um: So arbeiten 40 Prozent der großen Unternehmen eng mit Hochschulen zusammen – aber nur sieben Prozent der Mittelständler. Da gibt es Berührungsängste auf beiden Seiten. Mittelständler wissen oft nicht, was sie von einer Hochschule erwarten können, und Universitäten arbeiten häufig lieber mit Großunternehmen zusammen, wegen des Imagetransfers.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum sich das deutsche System nicht mit den USA vergleichen lässt

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