Gedenken an die Allierten-Angriffe vor 60 Jahren: Rechtsextreme veranstalten "Trauerzug" in Dresden

Gedenken an die Allierten-Angriffe vor 60 Jahren
Rechtsextreme veranstalten "Trauerzug" in Dresden

Vor 60 Jahren wurde Dresden bei Luftangriffen der Alliierten zerstört. Zahlreiche Veranstaltungen in der Stadt erinnerten am Sonntag daran. Überschattet wurden die Gedenkverantstaltung durch den Aufmarsch mehrerer tausend Rechtsextremer und die zugehörige Gegendemonstration.

HB DRESDEN. Ein „Trauerzug“ mit bis zu 5 000 Rechtsextremisten zog am Nachmittag unter lauten Protesten von Gegendemonstranten durch die Innenstadt. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) warnte vor Versuchen der politischen Rechten, die Geschichte umzudeuten.

Die Neonazis, deren Aufzug von der im sächsischen Landtag vertretenen NPD unterstützt wurde, zogen mit schwarzen Fahnen und unter Klängen von Trauermärschen und Wagner-Opern durch Dresden. An der Spitze des von starken Polizeikräften geschützten Zuges gingen NPD-Chef Udo Voigt und der DVU-Chef Gerhard Frey. Auf der Augustusbrücke über die Elbe blockierten etwa 100 bis 150 Gegendemonstranten den Vormarsch der Rechtsextremisten, der für eine halbe Stunde zum Stehen kam. Die Blockierer wurden von Polizisten abgedrängt. Am Schlossplatz hab es vereinzelt Flaschenwürfe und Rangeleien mit den Beamten. Die Demonstranten riefen „Nazis raus“ und empfingen den „Trauermarsch“ mit einem gellenden Pfeifkonzert. An der Marienbrücke, über die der Marsch zog, hatte Gegendemonstranten auf der Elbwiese ein Plakat entrollt, das den Schauspieler Charlie Chaplin in der Hitler-Parodie „Der große Diktator“ zeigt.

Ernsthafte Zwischenfälle blieben bis zum späten Nachmittag aus. „Größere Auseinandersetzungen gab es mit Sicherheit nicht“, sagte ein Polizeisprecher. Die Behörden hatten den Rechtsextemisten das Tragen von Springerstiefeln und Bomberjacken untersagt.

Vor Beginn ihres Marsches hatten Redner die Angriffe amerikanischer und britischer Bomberverbände am 13. und 14. Februar 1945 als Kriegsverbrechen und Völkermord bezeichnet und die Bomberpiloten Terroristen genannt. Auch diese Kundgebung am Landtag wurde von starken Polizeikräften vor Gegendemonstranten geschützt. Voigt sagte Reuters, er erwarte von Großbritannien ein Entschuldigung für die Bombardierung Dresdens.

Die weitgehend vom Krieg verschont gebliebene sächsische Metropole war vor 60 Jahren Ziel eines der schwersten Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs. Dabei kamen schätzungsweise 35 000 Menschen ums Leben. Die barocke Altstadt wurde weitgehend zerstört. Auch mit Blick auf den Aufmarsch der Neonazis hatte Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) die Bevölkerung aufgerufen, am Abend vor der Semperoper mit Kerzen der Opfer zu gedenken und ein Zeichen der Versöhnung mit den früheren Kriegsgegnern zu setzen.

Die offiziellen Gedenkfeiern begannen am Morgen auf Heidefriedhof, wo etwa 10 000 Opfer der Bombenangriffe beerdigt sind. Neben Milbradt nahmen die Botschafter Großbritanniens, Frankreichs und der Vereinigten Staaten sowie rund 300 Dresdner daran teil. Viele von ihnen trugen weiße Papierrosen zur Erinnerung an die verheerenden Luftangriffe. Auch in der Innenstadt waren viele Menschen mit Papierblumen unterwegs.

Am späten Nachmittag wurde in der mittlerweile wieder aufgebauten Frauenkirche ein Nagelkreuz aus Coventry als Zeichen der Versöhnung übergeben. Die Nägel stammen aus der Kathedrale der britischen Stadt, die 1940 von der deutschen Luftwaffe zerstört worden war. Die Gedenkfeiern enden um 21.45 Uhr mit dem Geläut der Glocken aller Dresdner Kirchen. Zu diesem Zeitpunkt begann vor 60 Jahren die Welle der Luftangriffe

Bundeskanzler Schröder warnte vor Versuchen, die Geschichte umzudeuten und Opfer gegeneinander aufzurechnen. „Wir werden nicht zulassen, dass Ursache und Wirkung verkehrt werden“, erklärte der Kanzler. „Verantwortung vor unserer Geschichte heißt eben auch, Untat und Leid nicht gegeneinander aufzuwiegen.“ 60 Jahre nach Kriegsende werde von einigen versucht, das Leid der Menschen zu missbrauchen und zu instrumentalisieren. Die Schuld und Verantwortung, die Nazi-Deutschland für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, für Vernichtung und Terror hatte, werde gar geleugnet. „Wir trauern am heutigen Tag um die Opfer von Krieg und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Dresden, in Deutschland und in Europa“, erklärte Schröder.

Der britische Botschafter in Deutschland, Sir Peter Torry, nannte Dresden ein Symbol für die Versöhnung Deutschlands und Großbritanniens. In einem Gastbeitrag für die „Bild am Sonntag“ schrieb Torry, Dresden und Coventry seien Symbole für die Schrecken des Krieges geworden. „Aber sie stehen auch für die Versöhnung unserer beiden Länder nach 1945.“

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