Gedenken
Wulff würdigt Bedeutung des 9. November

Fall der Mauer 1989 und Reichspogromnacht 1938 - der 9. November ist ein besonderer Gedenktag. Bundespräsident Christian Wulff erinnerte daran in einer Rede in Potsdam. In München hielt die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, ein Plädoyer gegen das Vergessen.
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HB POTSDAM. Der Tag des Mauerfalls am 9. November 1989 ist für Bundespräsident Christian Wulff "der glücklichste Tag in der deutschen Geschichte". "Was damals ohne Blutvergießen geschehen ist, hatte niemand für möglich gehalten", sagte Wulff bei seinem Antrittsbesuch im Bundesland Brandenburg am Dienstag.

Wulff war zuvor auf der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin von Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) begrüßt worden. Hier verlief einst die Grenze zwischen Ost und West. Im Kalten Krieg wurde die Brücke durch den Austausch von Agenten berühmt.

Ebenfalls am Dienstag erhielt Berlin einen neuen Gedenkort. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) eröffnete den Platz des 9. November 1989 an der Bornholmer Straße. "Hier war der Moment erlebbar, an dem sich die Nachkriegsordnung auflöste und Berlin den glücklichsten Augenblick seiner Geschichte erlebte", sagte der SPD-Politiker vor Hunderten Besuchern.

In Potsdam begrüßte Wulff, dass als letztes der neuen Länder auch Brandenburg einen Stasi-Beauftragten eingesetzt hat. "Es ist wichtig, 21 Jahre nach der Grenzöffnung die Geschichte aufzuarbeiten", betonte er. Es gebe ein Anrecht, den Opfern von SED-und Stasi-Verbrechen Gehör zu verschaffen. Brandenburg hatte Ende 2009 eine Beauftragte erhalten. Zuvor war die Landesregierung von SPD und Linkspartei durch eine Reihe Stasi-Fälle in der Linksfraktion erschüttert worden.

"Als Staatspräsident ist mir wichtig, dass wir die Interessen der Opfer sehen", betonte Wulff. Themen wie die Trennung von Familien oder Zwangsadoptionen beschäftigten auch noch zwei Jahrzehnte nach der Grenzöffnung die Menschen. Es habe in Westdeutschland jahrzehntelang eine unzureichende Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen gegeben. "Daraus entstanden die Studentenunruhen."

Der Bundespräsident rief auch die zweite Bedeutung des 9. November vor 72 Jahren ins Gedächtnis: 1938 hatte mit der Pogromnacht die systematische Verfolgung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland begonnen. "Der 9. November ist ein besonders schwieriger und schwerer Tag in der deutschen Geschichte", so Wulff.

In München hielt die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, zum Jahrestag der Pogromnacht ein Plädoyer gegen das Vergessen. "Über sieben Jahrzehnte nach der sogenannten Reichspogromnacht lehren uns die Ereignisse der Jahre 1933 bis 1945, in welche Katastrophe der Mensch seinesgleichen zu stürzen vermag", sagte sie laut Mitteilung.

Die Erinnerung müsse lebendig gehalten werden, verlangte Knobloch. Der NS-Terror werde bald nicht mehr Teil persönlicher Erfahrung von Menschen sein. Deshalb müsse jungen Menschen vermittelt werden, dass Gedenken kein Selbstzweck sei, sondern die Verantwortung für die Zukunft bewusst machen solle. "Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus ­ Diskriminierung in welcher Form auch immer ­ sie sind nicht nur das Problem der betroffenen Gruppe. Sie sind vor allem das Problem der Gesellschaft, in der sie vorkommen."

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