Gefährliche Hochstimmung
FDP im Vollrausch Richtung Wahltag

Die FDP steht so gut da wie nie, und einmütig wie nie schart sie sich hinter ihrem Parteichef. Doch aus dem Rausch kann schnell ein Kater werden. Am Wahlabend, Punkt 18 Uhr, kann schlagartig alles vorbei sein. Für die Liberalen. Und auch für Guido Westerwelle. Keiner weiß das besser als er selbst.

POTSDAM. Guido Westerwelle ist gereizt. Nur noch ein paar Minuten sind es bis zu seinem Auftritt, der FDP-Vorsitzende soll gleich in einer großen norddeutschen Stadt als Hauptredner einer Parteiveranstaltung auftreten. Triumphieren will er, seine FDP feiern, die mit anderthalb Beinen in der Bundesregierung zu stehen scheint - mit Westerwelle als Minister und Vize-Kanzler. Aber es hat sich nur ein kleiner Haufen liberaler Fans eingefunden, die in der viel zu großen Halle gelangweilt von einem Fuß auf den anderen treten. Also meckert Westerwelle hinter der Bühne über die miese Organisation der Parteifreunde. Was denn hier unter einer Großveranstaltung verstanden werde, grummelt er. Da platzt dem örtlichen FDP-Mann der Kragen. "Auf dem Broadway werden Stücke, die nicht ausverkauft sind, abgesetzt", schnauzt der zurück.

Das war kurz vor der Bundestagswahl 2005. In der Welt des Guido Westerwelle hat sich seither einiges verändert.

Wahlkampf 2009, vor ein paar Tagen. Im "Alten Kesselhaus" in einem Düsseldorfer Industriegebiet finden die FDP-Anhänger kaum mehr Platz. Hier eröffnen die Liberalen die heiße Phase ihres Bundestagswahlkampfs, mehr als tausend Anhänger haben sich aufgemacht, um dabei zu sein. Westerwelles Vorredner klammern sich auf der Bühne an einen gelben Stehtisch. Westerwelle braucht schon lange kein Pult mehr, hinter dem er sich verschanzen muss. Er beherrscht die ganze Bühne. Er redet seine Partei frei von der Knechtschaft der Opposition. Wie ein amerikanischer Fernsehprediger pendelt er nach links, nach rechts, nach links. Westerwelle poltert gegen Schwarz-Rot. Dann wieder liebkost er die Seele seiner Partei. Die Anhänger saugen alles auf.

Guido Westerwelle, der sonst misstrauisch ist und größten Wert auf absolute Kontrolle legt, dieser Mann wirkt kurz vor der Bundestagswahl gelöst wie nie. Traumergebnisse hat seine FDP bei den jüngsten Landtagswahlen geholt, die Umfragen sagen für die Bundestagswahl am kommenden Sonntag eine Mehrheit für eine Regierung von CDU und FDP vorher. Und die Partei steht inzwischen bedingungslos zu ihrem Chef, was früher nicht immer selbstverständlich war. Das Ende des Darbens in der Opposition ist greifbar nah.

Sechs Tage vor der Wahl herrscht in der FDP Euphorie. Wo immer die Parteispitze auftritt - ob Westerwelle selbst, ob die Ministerkandidaten Hermann Otto Solms und Rainer Brüderle, ob NRW-Minister Andreas Pinkwart oder Vizeparteichefin Cornelia Pieper -, die Wahlhelfer der Gelben sind motiviert wie nie. Sie spüren, sie merken, sie wissen: Diesmal könnte es wirklich klappen. An manchen Orten lockt Westerwelle, ihr Spitzenmann, mehr Leute auf die Marktplätze als Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat der Volkspartei SPD.

Einserseits.

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