Geheime Transporte nach Frankreich sind abgeschlossen
Deutschland fast plutoniumfrei

Am Dienstag hat der letzte Geheim-Transport von Plutonium aus der Atomfabrik im hessischen Hanau die Wiederaufbereitungsanlage la Hague erreicht. Damit ist Deutschland praktisch „plutoniumfrei“, sagte Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne). Auch der Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, zeigte sich „dankbar“, dass der Transport der insgesamt 1,7 Tonnen waffenfähigen Materials problemlos und vor allem unbemerkt ablief.

HB BERLIN. Parallel zum angelaufenen Atomausstieg geht mit Abtransport aus Hanau auch das Kapitel des Schnellen Brüters „endgültig zu Ende“, sagte Trittin. Die Hauptmenge des Plutoniums in Hanau stammte aus dem Kern des schnellen Brüters aus Kalkar – einer Technologie, die nie angewendet und 1991 ganz aufgegeben wurde. Dazu kommen Reste aus dem Forschungsreaktor Karlsruhe.

Der oberste Strahlenschützer König räumte ein, die Transporte zwischen Januar und Mai hätten ihm gehörige „Bauchschmerzen“ bereitet. Kein Wunder: Für eine Hiroshima-Atombombe reichen nach Angaben von Greenpeace rund zehn Kilo Plutonium. Mit den 1,7 Tonnen reinem Plutonium, die in den fast 12 Tonnen kerntechnischen Abfall aus Hanau enthalten waren, könnten mithin theoretisch nach entsprechender Nachbehandlung mehrere hundert Bomben hergestellt werden.

Plutonium kommt in der Natur nicht vor. Es entsteht vor allem in schnellen Brütern und Wiederaufbereitungsanlagen, sowie in sehr geringen Mengen in normalen Reaktoren. Insgesamt gibt es nach Greenpeace-Angaben auf der Welt rund 1000 Tonnen des radioaktiven Stoffes. Rund vier Tonnen Plutonium wurden bei Atomversuchen in der 50er und 60er Jahren freigesetzt.

Trittin betonte, mit einem Bruchteil eines Gramms Plutonium könne jemanden vergiftet werden. Anders als Brennelemente strahlt der Stoff jedoch kaum, und kann somit im Zweifel per Koffer weiter verbreitet werden – wie zuletzt vom russischen Geheimdienst.

Entsprechend klandestin war die Organisation der Transporte. Ursprünglich wollte das BfS wenigstens Aufnahmen vom Transport machen. Das verbot die Polizei: Auch im Nachhinein soll niemand erfahren, wie die Speziallaster aussehen, die die gefährliche Last über die Grenze nach Frankreich brachten.

In La Hague wird das Material aus dem staatlichen Verwahrungslager in Hanau so weiterverarbeitet, dass es als Brennstäbe in herkömmlichen Kernkraftwerken eingesetzt werden kann. Danach würden sie wie andere abgebrannte Brennelemente auch zunächst zwischen- und dann endgelagert, so König.

Die staatliche Plutonium-Verwahranstalt in Hanau war Teil des Nuklear-Standortes von Siemens, früher Alkem, die den Standort so schnell wie möglich auflösen will. Dies soll nun bis spätestens 2008 möglich sein.

Nach Darstellung Trittins ist der Abtransport nach Frankreich und der spätere Einsatz in Kraftwerken nicht nur sicherer sondern auch billiger als die weitere Lagerung. Insgesamt fielen Kosten von knapp 240 Mill. Euro, von denen 76 Mill. der Bund trägt. Bei weiterer Zwischenlagerung würde das Geld nur sechs Jahre reichen. Den Großteil der Kosten trägt RWE, die „Besitzerin“ des Schnellen Brüter-Kerns, den Rest übernimmt Siemens. Nach langem Streit habe sich RWE am Ende „sehr kooperativ“ gezeigt, lobte Trittin.

Völlig plutoniumfrei ist Deutschland dennoch nicht. Nach wie vor stehen Atomsprengköpfe auf deutschen Boden – gut bewacht in den Stützpunkten der US-Armee. Ihre Zahl wird streng geheim gehalten; Schätzungen gehen von mindestens 150 Sprengköpfen aus.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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