Generaldebatte im Bundestag
Herr Schein und Frau Heilig

Das erste öffentliche Aufeinandertreffen von Angela Merkel und ihrem Konkurrenten Frank-Walter Steinmeier gerät zum Schauspiel der Harmonie. Hinter den Kulissen aber herrscht Kleinkrieg.

BERLIN. Je länger Angela Merkel dem Redner im Bundestag zuhört, desto missbilligender wird ihr Blick. Zuerst spitzt sie leicht pikiert die Lippen, dann ziehen sich ihre Mundwinkel nach unten, und schließlich blitzt in ihren müden Augen der milde Spott weiblicher Nachsicht auf. Wer Merkel kennt, der weiß, dass in diesem Moment ihre Laune beträchtlich sinkt. Kommt dann noch ein fast unmerkliches Kopfschütteln dazu, ist man bei der Kanzlerin durchgefallen - zumindest für den Augenblick.

Es ist kein Sozialdemokrat, der da gerade in den noch kalten Bundestagssaal hineinredet, keiner von den Grünen oder von den Linken, der das Missfallen von Angela Merkel erregt. Es ist ihr liberaler Wunschpartner für 2009, der da in Gestalt von Rainer Brüderle den morgendlichen Auftakt zur Generaldebatte macht. FDP-Vize Brüderle ist von seiner Fraktion als "Anwärmer" und "Einheizer" vorgeschickt worden. Er soll so lange reden, bis die große Masse der zu spät gekommenen Abgeordneten ihre Plätze eingenommen, die Zeitungen ausgepackt und den kurzen Begrüßungsschwatz mit dem Banknachbarn abgeschlossen hat. Brüderle stört die Unruhe im Saal nicht. Routiniert nutzt er seine knappe Redezeit und greift die Große Koalition scharf an - schließlich sitzt er mit der FDP in der Opposition, und da wird im Plenum kein Pardon gegeben.

Doch sosehr sich Brüderle und später FDP-Chef Guido Westerwelle auch mühen - in Wahrheit hatte sich das politische Berlin auf ein ganz anderes Duell gefreut: Angela Merkel gegen den frisch gekürten Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier - das wäre nach dem Beck-weg-Putsch der SPD sicher der spannendere Schlagabtausch gewesen.

Für die Strippenzieher des Parlamentsbetriebs ist dieses Szenario jedoch tabu. Zwischen dem Auftritt der Kanzlerin und dem ihres Herausforderers liegt ein genau geplanter Zeitpuffer von über vier Stunden. Niemand soll auf die Idee kommen, dass Merkel und Steinmeier schon jetzt offen gegeneinander antreten. Mag der Herausforderer auch jetzt direkt neben der Kanzlerin sitzen, die Koalition bleibt auf Kuschelkurs.

Thomas Oppermann, der parlamentarische Geschäftsführer der SPD, und sein Unions-Pendant Norbert Röttgen, haben die Medien schon Tage vor der Generaldebatte auf die neue Harmonie eingestimmt. Nein, kein Showdown, lautet die Botschaft aus Berlin, sondern business as usual. Die Regierung werde nicht streiten, sondern die begonnenen Reformen zu Ende führen. "Jetzt ist Arbeit angesagt, Wahlkampf ist später", bekräftigen in der Debatte fast wortgleich die beiden Vorsitzenden der Koalitionsfraktionen, Peter Struck und Volker Kauder.

SPD und Union wissen, dass die Bürger keinen Dauerwahlkampf wollen, sondern von der Politik Entscheidungen und Hilfe verlangen. Je später der Wahlkampf beginnt, desto besser, lautet deshalb die gemeinsame Analyse der Parteizentralen. Heutzutage entscheidet eine kleine Gruppe von Wechselwählern jede Wahl, und die wissen oft erst kurz vor dem Urnengang, wem sie ihre Stimme schenken. Wer also zu früh in den Ring springt und seine Kräfte verbraucht, hat den harten Kampf bis zum Wahlabend schnell verloren.

Merkel und Steinmeier setzen deshalb auf Sachpolitik, solange es nur geht. Das können sie ohnehin am besten. Nüchtern, ruhig und detailverliebt sind sie beide. Die promovierte Physikerin etwa zieht eine positive Bilanz der Großen Koalition. Die Kanzlerin betet Zahlen und Fakten herunter, erklärt die Vorteile von Gebäudesanierungsmaßnahmen und intelligenten Stromzählern, streift die Emissionsziele des Kyoto-Vertrags, verweilt bei der Pflege von Demenzkranken und findet noch ein Wort zur Arbeitserlaubnis für Hochqualifizierte. Auch der Textbaustein zur "Bildungsrepublik Deutschland" darf nicht fehlen.

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