Generation Merkel, Teil 5
Die Merkelsche Trance

Angela Merkel ist wie die Generation Y: Statt eine Linie zu verfolgen, zeigt die Kanzlerin Flexibilität und passt sich dem Willen der Mehrheit an. So wie eine ganze Generation, die politisch nichts anderes kennt.

Ich kann mich nur noch vage an Gerhard Schröder als Bundeskanzler erinnern. Oder besser gesagt: an seinen Abgang. Damals war ich 16 Jahre alt. Ich begann gerade erst, mich für Politik zu interessieren. Und bevor ich mich versah, war er weg – und eine Frau an der Spitze der Republik. Seit einem Drittel meiner Lebenszeit ist sie für mich und meine Generation die „Mutti der Nation”. Und es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass dieser Umstand eine ganze Generation geprägt zu haben scheint. Die Generation Y wird zur Generation Merkel.

Politisch nicht besonders interessiert, jung, gebildet und mit einem Streben nach Balance zwischen Beruf und Familie. Die Jahrgänge zwischen 1977 bis 1998 werden mit vielen Titeln umschrieben: Millenials, Digital Natives, Generation Maybe oder eben Generation Y. Politikverdrossen werden wir dabei oft genannt.

Laut dem Studiensurvey, 2014 erhoben von der Universität Konstanz, stimmt das auch: Dort gaben gerade einmal 24 Prozent der befragten Studierenden an, politisch interessiert zu sein. Zehn Jahre zuvor waren es noch 33 Prozent – da war Angela Merkel gerade Bundeskanzlerin geworden. Sie ist ein Abbild dieser Dekade. Wer mit dieser Kanzlerin aufwächst, wird nicht gerade angeregt, sich für Politik zu interessieren.

Erforscht ist es zwar noch nicht, aber mir fällt auf, dass die Generation Y zu großen Teilen eine Haltung zeigt, die mit Merkels Politik – oder besser gesagt: ihrer Nicht-Politik – korrespondiert. Angela Merkel ist ruhig. Ohne Ecken und Kanten. Sie steht nicht für Werte, sondern hat die Relativierung derselben politisch salonfähig gemacht. Sie legt sich nicht fest. Und statt eine kontinuierliche Linie zu verfolgen, zeigt sie Flexibilität und passt sich dem Willen der Mehrheit an. Das Beispiel des überhasteten Atomausstiegs drängt sich auf. Fest verankerte Ideale sucht man da vergebens.

Merkels Regierungszeit gilt als Neobiedermeierzeit, der Rückzug ins Private. Kein Wunder, politisch ist nicht viel los. Deutschland geht es wirtschaftlich gut. Die Arbeitslosenquote ist auf dem niedrigsten Stand seit langem. Wir lassen uns treiben und reden vom Luxus, einen Job haben zu wollen, der uns Spaß macht, und gleichzeitig noch genug Zeit für die freie Entfaltung der privaten Neigungen lässt.

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