Generation Merkel, Teil 9
Die zwei Gesichter der Kanzlerin

Angela Merkel ist zugleich kühle Wissenschaftlerin und politische Figur. Bei der Gleichstellung homosexueller Paare gibt sie der Parteipolitikerin klar den Vorrang – die Gleichberechtigung muss weiter warten.

DüsseldorfSagen wir es, wie es ist: Dr. Angela, die Physikerin, hat kein Problem mit Schwulen und Lesben. Menschen ohne vernünftigen Grund, Rechte vorzuenthalten, weil sie lieben, wen sie lieben, das passt nicht zu der nüchternen Wissenschaftlerin. Bei der Kanzlerin, Mrs. Merkel, ist das anders. Homosexuelle Paare sind zu respektieren, aber dieselben Rechte wie Mann und Frau sollen sie nicht bekommen, so lautet ihre Haltung als Politikerin.

In der ARD-Wahlkampfarena 2013 sagte sie etwa, dass sie ein Problem damit habe, würden gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren. Eine Begründung lieferte sie nicht. Die Forschung konnte sie nicht heranziehen, die hat nämlich an zwei Muttis nichts auszusetzen.

Doch sobald Dr. Angela das bunte Jacket ihres politischen Alter Egos Mrs. Merkel abstreift und in ihrem Garten in der Uckermark Tomaten pflanzt, stört sie sich an Männerpaaren vermutlich so sehr, wie ein Goldfisch an Währungsschwankungen. 

Die Physikerin Dr. Angela ist eine kluge Frau und vermutlich nicht schizophren. Wenn die Wissenschaftlerin Dr. Angela also zur Ideologin Mrs. Merkel mutiert – ohne sie natürlich mit dem monströsen Mr. Hyde gleichzusetzten – tut sie das aus Kalkül. Sie braucht ein konservatives Alleinstellungsmerkmal gegenüber der politischen Konkurrenz. Sie will denjenigen ein politisches Zuhause bieten, die fürchten, die Erde könnte aus der Umlaufbahn hüpfen, würden Schwule und Lesben endgültig voll gleichgestellt werden. 

Heimelig und warm soll es bleiben und ein bisschen religiös. Nach bald zehn Jahren Kanzlerschaft unter Mrs. Merkel steht die Moderne weiterhin vor der Tür und friert. Auf wenn der ehemalige FDP-Chef Guido Westerwelle und der Sportmanager Michael Mronz nicht auf dem Christopher Street Day zum ersten Mal öffentlich als Paar aufgetreten sind – sondern vor über zehn Jahren auf Dr. Angelas 50. Geburtstag.

Lebenspartner haben inzwischen in einigen wenigen Steuerfragen dieselben Rechte wie Eheleute haben, etwa bei Erbschaften, Schenkungen und dem Ehegattensplitting. Allerdings erst, nachdem das Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber dazu verpflichtet hat. Es ist eine Konstante der Regierung Merkel: Die wesentlichen Reformen in der Gleichstellungspolitik musste Karlsruhe vorantreiben, weil die Union blockte. 

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Wie Promis gegen Homophobie protestieren

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