Genossenschaften
Bürger schwimmen sich frei

Viele Kommunen sind hochverschuldet und mit ihren Aufgaben überfordert. Viele engagierte Bürger organisieren sich darum in Genossenschaften, um Schwimmbäder zu retten, für günstige Wasserpreise zu streiten - und sich einen größeren Einfluss auf die Kommunalpolitik zu sichern.
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KÖLN. Jürgen Jahnke nimmt die Dinge gerne selbst in die Hand. Er lebt im brandenburgischen Pitschen-Pickel, das Dorf hat 240 Einwohner und einen kostbaren Schatz: Bestes Trinkwasser sprudelt unter dem Ort tief in der Erde. Dieses Wasser wollen Jürgen Jahnke und seine Mitstreiter nutzen, anstatt Wasser vom außerhalb zuzukaufen. Nun kaufen die Bürger gemeinsam das Wasserwerk zurück, das sie in den 60er-Jahren selber erbaut haben, gründen eine Genossenschaft und sorgen so für eine unabhängige Wasserversorgung in Pitschen-Pickel.

Das kleine Dorf in Brandenburg ist das jüngste Beispiel für ein Modell, mit dem sich immer mehr Bürger in ihrer Gemeinde engagieren. In Genossenschaften übernehmen sie Aufgaben, die bislang in den Händen oft überforderter Kommunen lagen. Damit retten sie Schwimmbäder, sorgen für günstige Wasserpreise und sichern sich größeren Einfluss.

Der Grund, weshalb sich Bürger stärker einmischen, ist meist die kommunale Finanznot. Ein typischer Fall: ein Freibad in Wunstorf bei Hannover. Die Kosten für Sanierung und Betrieb der Anlage waren der städtischen Tochtergesellschaft zu hoch. Sie wollte das Bad schließen. Die Bürger wehrten sich – und gründeten 2005 eine Genossenschaft. „Wir sind nicht nur gegen etwas. Wir lassen uns auch in die Pflicht nehmen“, sagt Vorstandsvorsitzender Reinhard Gräpel. Die Genossenschaft baute die Anlage in ein Naturerlebnisbad um. Ein Pflanzenfilter reinigt das Wasser, Chlor ist nicht mehr nötig.

Inzwischen hat die Genossenschaft über 1 000 Mitglieder. Durch den Zusammenschluss identifizierten sich die Einheimischen stärker mit ihrem Bad, sagt Gräpel. Bis zu vierzig Ehrenamtliche verkaufen Karten, schrubben Algen von den Beckenwänden und halten so die Kosten niedrig. „Wir hatten in keinem Jahr rote Zahlen“, sagt Gräpel.

Auf Bürgerbeteiligung sind viele Kommunen angewiesen, sagt Ansgar Horsthemke vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband. „Den Ort lebenswert erhalten, damit Familien kommen und sich Unternehmen ansiedeln, das können Kommunen nicht mehr alleine stemmen.“ Hier böten sich Genossenschaften an. Auch Frank Priebe ist von dem Modell überzeugt. Er ist Bürgermeister von Nörten-Hardenberg bei Göttingen – und Vorstandsvorsitzender einer Genossenschaft, die dort seit 2005 das ehemals kommunale Bad betreibt. Seitdem haben sich die Einnahmen verdreifacht, sagt Priebe. In Sachen Schwimmbad-Erhalt waren die Niedersachsen die Vorreiter.

Die Beispiele zeigen: Oft arbeiten Genossenschaften besser als Kommunen. Niedrigere Kosten, mehr Transparenz und Mitbestimmung seien die wesentlichen Vorteile, sagt Richard Reichel, Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Genossenschaftswesen an der Universität Erlangen-Nürnberg. Infolge der Finanzkrise und des neuen Genossenschaftsgesetzes rechnet er mit einer Welle neuer Gründungen.

Doch Genossenschaften haben auch mit einem Widerspruch zu kämpfen. Eigentlich haben sie die Aufgabe, ihren Mitglieder zu helfen – und nicht der ganzen Gemeinde. Von einem öffentlichen Schwimmbad kann aber auch jeder profitieren, der nicht Teil der Genossenschaft ist. Ein verbilligter Eintritt für Mitglieder könne dieses Problem lösen, sagt Reichel. Dass sich der Gemeinsinn auszahlt, erleben die Bürger in Hartau seit über einem Jahrzehnt. Rund 180 Grundstückseigentümer gründeten 1995 in dem Ortsteil von Zittau eine Wassergenossenschaft. Seitdem ist der Wasserpreis gleich geblieben. „Das haben wir vor allem mit Eigenleistungen geschafft“, sagt die Vorstandsvorsitzende Claudia Eitner. So haben Mitglieder die Gräben für neue Leitungen selbst ausgehoben. Der Wassergenossenschaft in Ellerhoop in Schleswig-Holstein gelang es sogar, ihren Kubikmeterpreis auf 70 Cent zu senken.

Solche Erfolgsgeschichten wecken immer stärkeres Interesse für Genossenschaften. Experten fordern aber, die langfristige Perspektive im Auge zu behalten. „Die wesentlich höhere Herausforderung als die Gründung ist der Betrieb“, sagt Gräpel. Schließlich gibt es keine Garantie, dass die Mitglieder seiner Genossenschaft in Wunstorf auch in zehn Jahren noch das Becken schrubben.

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