Gerechtigkeit
Keine simplen Rezepte

Der Wunsch nach Gerechtigkeit hat für die Deutschen in der Finanzkrise eher an Bedeutung gewonnen. Doch anders als früher treten neben die gerechte Verteilung auch andere Anliegen wie bessere Aufstiegschancen. Und der Ruf nach mehr Staat wird nicht mehr als Allheilmittel gesehen.
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BERLIN.

Ist Deutschland auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit in diesem Jahr ein Stück vorangekommen oder zurückgefallen? Die spontane Antwort einer großen Mehrheit wird lauten: Aufgrund der Krise geht es ungerechter zu im Land. So hat es auch Wilhelm Heitmeyer gerade festgestellt, Soziologe aus Bielefeld, der seit sieben Jahren eine Langzeitbefragung unter dem Titel "Deutsche Zustände" durchführt: Immer mehr Menschen fürchteten, durch die Ritzen der Gesellschaft zu fallen. Deren Kernnormen wie Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness erodierten.

Man kann sich der Frage aber auch ganz anders nähern. Schauen wir uns an, wie die Krise auf die Einkommensverteilung gewirkt hat. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat nachgewiesen, dass in der ersten Jahreshälfte 2009 aufgrund der Krise die Einkommen aus Unternehmensgewinnen und Vermögen um zwanzig Prozent gesunken seien, während die Bruttolöhne sogar leicht zugenommen hätten. Insgesamt habe sich die Schere zwischen den Einkommen geschlossen. Der subjektive Eindruck, dass "die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer" werden, wird widerlegt. Geht es also trotz Krise gerechter zu im Land? Folgt man allein der Statistik, muss man die Frage offensichtlich mit Ja beantworten.

Rundum überzeugend ist das allerdings nicht. Schon deshalb nicht, weil es an Übereinstimmung über gültige Kriterien für Gerechtigkeit und den Grad, in dem sie erfüllt werden, mangelt. Und das nicht nur in Deutschland. Je nach Weltanschauung und sozialem Status finden Menschen niedrige Steuern gerecht oder ungerecht, bedeutet ihnen ein funktionierender Rechtsstaat mehr oder weniger, halten sie staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen für dringend erforderlich oder für schlimme Willkür, sehen sie hohe Sozialleistungen als gerechten Ausgleich oder als leistungshemmende Bevormundung an.

Seien wir deshalb bescheidener, und wandeln wir die Frage etwas ab: Gibt es Anzeichen dafür, dass sich die Vorstellung der Deutschen von Gerechtigkeit in diesem Jahr verändert hat, und hat das etwas mit der großen Krise zu tun?

Es scheint, als differenzierten die Bürger im Jahr eins nach dem vollen Ausbruch der Finanzkrise stärker als früher. Lange ging es in Deutschland bei der Debatte um Gerechtigkeit fast ausschließlich um die Einkommens- und Vermögensverteilung. Die ist immer noch wichtig, wir kommen noch darauf zurück, aber andere Gesichtspunkte treten daneben.

Sehr schön nachvollziehen konnte man das am Fall Opel. Die drohende Schließung vieler Werke durch GM hatte kaum Empörungspotenzial, oder wenn, dann völlig anders, als die Kontrahenten Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier erwartet hatten. Beide dachten, die Wähler würden Dankbarkeit für die Rettungsversuche des Bundes zeigen. Doch sie ernteten eher Skepsis, gar Ablehnung.

Steinmeier sagt bis heute, er könne sich diese Reaktion nicht erklären. Offenbar sei die Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft schon so weit fortgeschritten, dass nicht einmal mehr der Versuch einer Regierung gewürdigt werde, bedrohte Arbeitsplätze zu retten.

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