Geringe Erwartungen
IT-Gipfel gibt sich bescheiden

Der Ton ist leise geworden. Während sich derzeit Vertreter anderer Branchen bei der Bundeskanzlerin gegenseitig die Klinke in die Hand drücken, herrscht in der IT-Industrie Bescheidenheit. Zwar ist heute wieder "Gipfel-Time", die Vertreter der IT- und Kommunikationsbranche treffen sich mit der politischen Elite in Darmstadt. Doch die IT-Manager haben ihre Erwartungen ganz nach unten geschraubt.

BERLIN/FRANKFURT. "Die Relevanz des IT-Gipfels hat sich leider nicht positiv entwickelt", sagt Stephan Scholtissek, Chef von Accenture Deutschland: "Wir würden uns eine stärkere Fokussierung auf Lösungen wünschen. Lösungen für Deutschland in einer globalisierten Welt liegen eindeutig in Produktivitätssteigerung und damit in der IT". Und eine Führungskraft eines großen IT-Unternehmens ergänzt: "Das geht alles viel zu langsam und ist viel zu kompliziert."

Offiziell übt sich die Branche in Diplomatie, schließlich will man die Atmosphäre nicht vergiften. "Gerade in der Finanzkrise müssen wir uns Sachthemen widmen. IT made in Germany kann kurz- und langfristig den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken", sagt Karl Heinz Streibich, der Vorstandschef der Software AG.

Die deutsche IT-Industrie steckt in der Klemme. Einerseits fühlt sie sich als Querschnittsbranche, die allen Industrien Nutzen bringt, chronisch unterbewertet. Anderseits geht es ihr trotz Krise und Abschwung immer noch viel zu gut, als dass sie Rettungsschirme aus Berlin bräuchte. "Die Hochtechnologie lebt an erster Stelle von Innovationen und guten Produkten, nicht von Staatshilfen", sagt Henning Kagermann, der Chef des weltgrößten Firmensoftware-Anbieters SAP, und ergänzt: "Wir können nicht aufhören, in die Zukunft zu investieren."

Der Frust über das bislang in den Gesprächen mit der Politik erreichte, er ist in den IT-Unternehmen deutlich zu spüren. Die geplante zentrale Bürgernummer 115 zum Beispiel. "Die sollte eigentlich schon längst da sein, und es ist auch keine große Sache. Aber jetzt startet man wieder erst mal nur einzelne Piloten", sagt ein IT-Manager. "Der Staat sollte sein Geld jetzt nutzen, um zukunftsorientiert zu handeln", fordert deshalb August-Wilhelm Scheer, Präsident des Branchenverbandes Bitkom.

Dies um so mehr, weil auch die IT-Branche immer stärker mit der Rezession zu kämpfen hat. Eine Bitkom-Konjunkturumfrage zeigt, dass die Wachstumsprognose von 1,5 Prozent für das kommende Jahr nicht mehr gehalten werden kann. "Wir werden nicht viel über null bekommen", sagt Scheer. Alleine zwischen Oktober und November habe sich die Zahl der IT-Unternehmen verdoppelt, die weniger Wachstum erwarten. Insbesondere träfe die Krise große und Hardware produzierende Unternehmen.

Der Verband fordert deshalb, den Investitionsstau im öffentlichen IT-Sektor von knapp acht Mrd. Euro aufzulösen. "Das Gesundheitssystem befindet sich in Sachen Datenverarbeitung noch in der Steinzeit", kritisiert Scheer. Vom Darmstädter Gipfel müsse ein "Signal ausgehen".

Als der erste IT-Gipfel 2006 in Hannover ins Leben gerufen wurde, galt dieser als überfälliges Bekenntnis der Bundesregierung zur Schlüsseltechnologie IT. Auch heute reden Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Michael Glos. Doch Rhetorik und Namen täuschen. Nicht nur, dass die Fortschritte der einzelnen Gipfel-Arbeitsgruppen recht unterschiedlich sind. Noch immer tut sich Deutschland schwer, zu den europäischen IT-Vorreitern wie Österreich aufzuschließen. Mit mehr als 800 000 Arbeitsplätzen und 145 Mrd. Euro Umsatz gehört die Branche zwar zu den wichtigsten Jobmotoren des Landes, nur Maschinen- und Autobauer beschäftigen mehr Menschen. Doch die Schlüsselprojekte lassen auf sich warten.

Die elektronische Gesundheitskarte hat sich bereits mehrmals verschoben, und viel mehr als die bisherige Versichertenkarte wird sie wohl erstmal nicht können. Eine der größten IT-Hoffnungen ist nun der elektronische Personalausweis. Mit ihm sollen dank Speicherchip, digitaler Signatur oder gespeicherten Fingerabdrücken ab November 2010 Online-Banking, Einkauf oder Versicherungsabschlüsse einheitlich und sicher abwickelbar sein. Die Bankenbranche ist skeptisch: "Einspareffekte sind nicht zwingend zu erwarten", sagt Ibrahim Karasu, Geschäfts-führer beim Bundesverband deutscher Banken.

Ein weiteres Großprojekt: De-Mail. Dahinter verbirgt sich die Einführung sicherer Emailkommunikation für offizielle Zwecke. Private Anbietern können sich beim Bund zertifizieren lassen, wenn sie die höheren Sicherheitsstandards für den neuen Dienst erfüllen. Anbieten sollen sie ihn dann selbst. Über ein separates De-Mail-Postfach könnte dann sensible Kommunikation laufen und die bisherige Papierform ablösen, etwa bei Behördenpost oder Verträgen. In einen Online-Dokumentensafe sollen die Unterlagen sicher verwahrt werden können. Getestet werden soll De-Mail in Friedrichshafen. Der Projektpartner T-Systems hat dort bereits verschiedene IT-Projekte in Kooperation mit der Stadt zusammengeführt. Gerade beim Thema Datensicherheit und Nutzervertrauen gab es jedoch Probleme. Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchungen haben das Vertrauen der Internet-Nutzer gesenkt.

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