Gesamtmetall warnt vor Lohn-Euphorie
„Wettbewerbsfähigkeit nicht aufs Spiel setzen“

Die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie haben besorgt auf die zunehmenden Forderungen nach deutlichen Lohnerhöhungen reagiert. „In Teilen der Wirtschaft endlich den Anschluss an die Entwicklung der Weltkonjunktur gefunden zu haben, darf uns nicht vor Aufregung gleich auf die Bäume treiben“, sagte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, dem Handelsblatt.

BERLIN. „Wir wissen, dass wir den Aufschwung unserer wieder erlangten Wettbewerbsfähigkeit verdanken – und die dürfen wir keinesfalls wieder aufs Spiel setzen.“ Damit trat Kannegiesser einem wachsenden Erwartungsdruck bei den Beschäftigten entgegen, der auch durch Äußerungen von Spitzenvertretern der großen Koalition verstärkt wird. Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) hatte am Wochenende von den Tarifparteien „Mut“ gefordert, „die Spirale nach oben zu drehen“. Auch SPD-Chef Kurt Beck hatte für höhere Lohnzuwächse plädiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machte am Montag zwar deutlich, dass die Lohnpolitik Aufgabe der Tarifparteien sei. Auch sie hält es laut Aussage von Regierungssprecher Thomas Steg jedoch angesichts des Konjunkturaufschwungs „für eine Selbstverständlichkeit, dass Arbeitnehmer an dieser Entwicklung teilhaben sollen“, wo dies „die ökonomische Substanz von Branchen und Betrieben“ hergebe.

Damit läuft bereits mehr als zwei Monate vor dem eigentlichen Start der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie eine ungewöhnlich heftige politische Debatte über den Kurs der Lohnpolitik. Nach ersten Stimmungsbildern an der Basis der IG Metall richten sich die Erwartungen der Beschäftigten auf eine Lohnforderung in der Größenordnung von bis zu sieben Prozent.

Allerdings wurde auf Anfrage in mehreren Tarifbezirken darauf verwiesen, dass die offizielle Forderungsdiskussion in der Gewerkschaft Mitte Dezember beginne. Der IG-Metall-Vorstand will seine so genannte Forderungsempfehlung am 6. Februar 2007 abgeben.

Gesamtmetall-Chef Kannegiesser präzisierte zugleich eine eigene Aussage, wonach die Beschäftigten in der bevorstehenden Metall-Tarifrunde „angemessen“ am Erfolg der Unternehmen beteiligt werden sollten. Eine entsprechende Interview-Äußerung war in der vergangenen Woche so interpretiert worden, dass auch die Arbeitgeber kräftigeren Lohnzuwächsen zustimmen würden. „Wir haben das Instrument der am betrieblichen Erfolg anknüpfenden Einmalzahlung, und das wollen wir weiter pflegen“, betonte Kannegiesser.

Dahinter steht die Strategie, konjunkturbedingt gestiegene Unternehmensgewinne nicht in dauerhaft wirksame Tariferhöhungen umzusetzen, sondern über zeitlich befristete Lohnzuschläge abzubilden. Die üblichen Prozentsteigerungen gehen in die tarifvertragliche Lohntabelle ein und erhöhen damit zugleich die Basis für zukünftige Lohnsteigerungen, selbst wenn sich die wirtschaftliche Lage dann wieder eingetrübt hat.

Einen ersten Anlauf für eine ertragsabhängige Lohnpolitik hatten die Metall-Tarifparteien in der Lohnrunde 2006 im Frühjahr genommen: Damals vereinbarten sie für die rund 3,5 Millionen Beschäftigten neben einem dreiprozentigen Lohnplus eine Einmalzahlung von 310 Euro. Diese konnte je nach wirtschaftlicher Lage des einzelnen Unternehmens per Betriebsvereinbarung verdoppelt oder auch gekürzt oder gestrichen werden. Laut Gesamtmetall haben jeweils rund zehn Prozent der Betriebe die Zahlung erhöht beziehungsweise verringert.

Nähere Festlegungen zur tarifpolitischen Strategie in der kommenden Tarifrunde will Gesamtmetall auf einer Vorstandssitzung Mitte Dezember treffen. Nach Informationen des Handelsblatts ist dabei im Gespräch, statt eines Euro-Betrags eine prozentuale Sonderzahlung zu definieren, die aber ebenfalls nicht in die Lohntabelle einginge.

Entschieden trat Kannegiesser dem Argument entgegen, die Metall-Industrie müsse über höhere Lohnsteigerungen für einen Ausgleich von Reallohnverlusten aus der Vergangenheit sorgen. Diese habe es für die Metaller gar nicht gegeben: „Die Arbeitnehmer unserer Industrie haben keine Reallohnverluste, ganz im Gegenteil“, so Kannegiesser. „Sie zählen nach wie vor zu den bestbezahlten der Welt.“

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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