Gesellschaft
Die verdrängten Stunden der Freiheit

Am 17. Juni 1953 gingen die Görlitzer Waggonbauer für die Demokratie auf die Straße, doch bis heute mag sich dort niemand so recht daran erinnern

"Leninhalle“ sagen die Waggonbauer heute noch, wenn sie vor der gewaltigen Stahlfassade ihrer Endmontage stehen. Dabei stammt der Betonbau, in dem ganze Züge auf Luftkissen verschoben werden können, aus dem Jahr 1996. Heute gehört die einstige „Leninhalle“ und alles, was dazugehört, einem Paradekapitalisten, dem kanadischen Weltkonzern Bombardier.

Doch hier in Görlitz, ganz weit in Deutschlands Osten, nehmen sich die Leute die Freiheit, selbst zu bestimmen, was zu ihrer Geschichte gehört und was nicht. Und so heißt Bombardier im Volksmund wie schon bei der Gründung vor 154 Jahren bloß „Waggonbau“. Es gibt Handwerker, die arbeiten in vierter Generation im Betrieb. Die Waggonbauer haben Adolf Hitler überstanden, Erich Honecker und dann auch noch Birgit Breuel von der Treuhand. Jetzt schauen die 1 400 Männer und Frauen wieder selbstbewusst nach vorne, mit ihrem weltweit erfolgreichen Angebot, den Doppelstockwaggons vor allem.

Umso mehr muss man erklären, warum die tollen Stunden im Juni 1953 im kollektiven Gedächtnis der Waggonbauer kaum Spuren hinterlassen haben. Keine Zeile davon findet sich in der Jubiläumsschrift zum 150-jährigen Bestehen. Nein, auf dem Areal des Görlitzer Waggonbaus, auf 350 000 Quadratmetern deutscher Industrietradition, scheint die Erinnerung an das, was hier am 17. Juni 1953 geschah und zu den größten Stunden der Unternehmensgeschichte gehören müsste, wie ausgelöscht. Eine Feier ist nicht geplant. „In Görlitz hat fast jeder Dritte keine Arbeit, die Leute haben andere Probleme als Gedenktage“, sagt Werksleiter Siegfried Deinege. Doch das ist wohl nicht die ganze Wahrheit.

Denn nirgendwo sonst in der DDR haben die Arbeiter das Regime an diesem strahlenden Frühsommertag 1953 so nahe an den Rand der Niederlage gebracht. Und wohl nirgendwo sonst ist die Erinnerung so verdrängt worden wie hier, in der einstigen sozialistischen Vorzeigefabrik im hintersten Winkel des Landes.

Horst Neumann, 68, war an diesem Tag Jungschlosser im Volkseigenen Betrieb Lokomotiv- und Waggonbau Görlitz. „In der Frühstückspause ist es losgegangen“, erzählt der drahtige Rentner. Beim Lokaltermin schaut er sich im Betrieb um, als sei hier noch immer sein Zuhause. „Es herrschte enormer Frust“, sagt Neumann. Dann steckt er sich eine HB an.

Die Vorgeschichte des 17. Juni ist schnell erzählt: Seit Monaten verschlimmert sich der Mangel, seit Monaten verschärft die Partei die Gangart. Es gilt, den Sozialismus aufzubauen, im April werden viele Freiberufler vom Empfang der Lebensmittelkarten ausgeschlossen, in Görlitz werden zwölf Industriebetriebe enteignet. Zwar herrscht an der Neiße nicht direkt Hunger, doch ohne Lebensmittelkarten läuft fast gar nichts. Die Rationen sind karg. Wenn es Salami gibt, kostet ein Pfund 9,50 Mark. Eine Kriegswitwe erhält 55 Mark Monatsrente. „Kollegen, was sich jetzt bei uns tut, ist für uns als Arbeiter beschämend. 70 Jahre nach dem Tod von Karl Marx müssen wir noch über die elementarsten Lebensbedingungen debattieren“, beklagt sich ein Arbeiter im Hydrierwerk Zeitz.

Schon im März ist es in den großen Betrieben des Landes zu Protestversammlungen gekommen, hier und da bereits zu Streiks. Doch was tut das Regime? Der Ministerrat der DDR erhöht am 28. Mai auch noch die Arbeitsnormen. Das hat Lohnverluste von bis zu 40 Prozent zur Folge, die Grenze des Zumutbaren ist überschritten.

„Wir erklären uns mit den Arbeitern in Berlin solidarisch, hat der Kurt Thiele gerufen“, sagt Horst Neumann. Fast 40 Jahre hat er über diesen Tag kaum eine Silbe verloren, verlieren dürfen. Jetzt erzählt er mit einem Feuer, als habe es die Jahre dazwischen nicht gegeben. Neumann war einer der Ersten am 17. Juni. Er hat dafür bezahlen müssen, er durfte nicht studieren. Vorkämpfer Thiele traf es direkter: Für seine Ansprache in der Frühstückspause ging er wenig später drei Jahre ins „gelbe Elend“, ins berüchtigte Zuchthaus nach Bautzen.

Das, was am 16. Juni 1953 in Berlin begonnen hat und einen Tag später auch in Görlitz einem Höhepunkt zustrebt, ist eine soziale Protestbewegung, wie sie Karl Marx sich besser nicht hätte ausdenken können. Viele Menschen leiden Not, die Regierung ist ohne Autorität, den Menschen fehlt eine Perspektive. In dieser Mischung aus Resignation und Empörung reicht ein Funke. Den liefern die Bauarbeiter der Berliner Stalinallee, und der West-Berliner Sender Rias streut die Botschaft ins ganze Land. In Görlitz sind es die Arbeiter des Waggonbaus, die den Arbeiter- und Bauernstaat an den Rand der Kapitulation bringen.

Anne-Rosemarie Starke ist 15 Jahre alt an diesem Tag, Lehrling eines Lebensmittelladens in der Görlitzer Innenstadt. Heute lebt sie in Dresden, oft verkrampfen die Hände, wenn sie erzählt: „Spannung lag in der Luft, irgendwie hatte ich auch Angst.“ Kaum ein Kunde sei gekommen, um sich sein Frühstück zu kaufen. Plötzlich sei die Türe aufgesprungen. „Schließt schnell ab, in der Stadt ist ein Aufstand.“

Der örtlichen SED geht es ähnlich, sie wird aber von den Ereignissen überrollt. Die Leipziger Historikerin Heidi Roth schreibt in ihrem Buch über den 17. Juni 1953 in Sachsen, dass der 1. Sekretär Karl Weichhold von den Dresdener Genossen am frühen Morgen des 17. Juni aus dem Bett geklingelt wird. Provokationen in den Betrieben drohten. Weichhold wird später, gegen halb zehn, zu den Waggonbauern gehen im Glauben, sie zurück an die Werkbank zu bringen – und sich damit gründlich irren. Zuvor jedoch kommt die SED-Kreisleitung zusammen. Man frühstückt gerade, als der Parteisekretär des Betriebs hereinplatzt: „Im Waggonbau ist der Teufel los.“

Zu dieser Stunde ist das Werk schon lahm gelegt. Ab 8 Uhr wird gestreikt, schnell formiert sich ein Arbeiterzug. „Wir haben die Leute mitgenommen, sind zur Lehrlingswerkstatt gezogen, dann zum Werk eins“, erzählt Neumann. Dann bilden die Waggonbauer mehrere Demo-Züge, spätestens um 10 Uhr sind alle Görlitzer Betriebe im Streik. Tausende strömen in die Stadt, auch Schüler marschieren mit. Neumann erzählt vom einbeinigen Kriegsveteranen, der mit seiner Krücke das Transparent eines Leninspruchs von einer Häuserwand reißt.

Am „Leninplatz“ kommt die Menge unter der Führung der Waggonbauer zusammen. Damals wie heute ist der zentrale Platz, der jetzt wieder Obermarkt heißt, ein prachtvoller Ort, sanft nach Osten abfallend. Der Krieg hat kaum Spuren hinterlassen. Hier, zwischen barocken Fassaden, tummeln sich mittags 40 000 Menschen, fast jeder zweite Görlitzer. Wenig später strömt die Menge hinab zum Untermarkt. Sie stürmt das Rathaus mit dem Untersuchungsgefängnis, das Haus der FDJ. Wenig später ist der Bürgermeister abgesetzt, es formiert sich ein Stadtkomitee, darunter der Waggonbau-Schlosser Hermann Gierich. Auch die Gründung einer Bürgerwehr wird beschlossen. Schlosser Gierich geht ans Mikrofon: „Wann tritt die Regierung zurück, wann finden freie Wahlen statt?“ Das Volk jubelt, später dankt ein Redner „den Arbeitern des Waggonbaus, dass nun endlich der Durchbruch erfolgt ist“.

In den Stasi-Akten ist die Großkundgebung auf dem Obermarkt in Tonbandprotokollen festgehalten – ein einzigartiges historisches Zeugnis. Nur einmal wird das MfS wortkarg: „Gesang des Liedes“, ist im Stasi-Protokoll bloß vermerkt. Helmut Neumann berichtet: „Wir haben das Deutschlandlied gesungen, die dritte Strophe natürlich.“

Anne-Rosemarie Starke erzählt nichts vom Deutschlandlied. Am 18. Juni sei alles vorbei gewesen. „Na Mädels, habt ihr gut geschlafen“, habe die Ausbilderin am nächsten Morgen gefragt. Dann ging sie hinter die Wursttheke, obwohl die Panzer noch rollten. Vier Kinder hat sie später groß gezogen und parallel Karriere gemacht, es bis zur Abteilungsleiterin im größten Kaufhaus Sachsens gebracht. Doch selbst in der Familie war vom 17. Juni bis zum Fall der Mauer nie wieder die Rede. Ihre Kinder hätten ihr das vorgeworfen, erzählt sie. Später, nachdem sie der Karstadt-Konzern unsanft aufs Altenteil beförderte, hat sie ihre Erinnerungen veröffentlicht. Dort beschreibt Starke die beängstigende Wucht der Görlitzer Protestbewegung: „Ich dachte, das ist Krieg.“ Sie schreibt von einer „Flutwelle“, die sie mitreißt. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich schon acht Stunden unterwegs war. Ich habe gedacht, es seien Minuten gewesen.“ Dann kamen die Panzer. Die Angst hat sie nicht mehr verlassen. „Jede 1. Mai-Demonstration war eine große Überwindung für mich.“

Leer wie am 1. Mai – das denkt auch Grenzpolizist Helmut Fischer, als er am Mittag des 17. Juni den Bahnhof erreicht. Fischer kommt vom Feldwebellehrgang bei Berlin. „Ich wusste gar nichts, weder von der Stalinallee noch den Görlitzer Protesten“, erzählt er. Mit Marschgepäck macht sich der Uniformierte auf zu seiner Dienststelle im Zentrum. Plötzlich verfolgen ihn Demonstranten. Er rennt zur Kommandantur, ein russischer Offizier rettet ihn – er hält Fischer für einen Fahnenflüchtigen und verhaftet ihn.

Dem Stadtkommandanten erst kann er klar machen, dass er alles andere als fahnenflüchtig ist. „Wir waren auf uns allein gestellt“, sagt Fischer, nicht ein Befehl sei aus Berlin gekommen. Die Polizei verschanzt sich in der Kommandantur. Nur eins sei klar gewesen: „Schießen verboten“. Der fast kahle 79-Jährige zeigt stolz seine Ehrenmedaillen, er hat es bis zum Major der Grenztruppen gebracht. Im Bücherregal der guten Stube im sanierten Plattenbau stehen, rot eingebunden, die Erinnerungen des Politbüromitglieds Hermann Axen: „Ich war ein guter Diener der Partei“. Auf dem grünen Sofa hat man fast den Eindruck, als sei es in der DDR gemütlich zugegangen. Unvermittelt erzählt Major a.D. Fischer, wie am Nachmittag des 17. Juni ein Mannschaftswagen der Sowjets eine Salve in den Himmel geschossen habe. „Da ist die Masse auseinander, die Straße war leer, in null Komma nix.“ Er sagt „Masse“ – als hätte er vor den Arbeitern damals keine Angst gehabt.

Der Anfang vom Ende der so kurzen Stunden der Freiheit beginnt um 14 Uhr. Längst hat die sowjetische Militärführung die Brisanz erkannt. Die SED ist fast paralysiert, die Russen übernehmen die Regie. Um 14.30 Uhr formiert sich auf dem Obermarkt gerade die zweite Großkundgebung, da schallt aus den Lautsprechern, dass der russische Militärkommandant den Ausnahmezustand verhängt habe. Jede Versammlung wird verboten, nachts herrscht Ausgangssperre. Die Kundgebung auf dem Oberamt beginnt dennoch, wieder spricht Hermann Giersch vom Waggonbau. Wenig später rückt die Rote Armee ein und zerstreut die Demonstranten. Die kasernierte Volkspolizei besetzt die zuvor gestürmten Gebäude.

„Am nächsten Morgen haben uns die Panzer schon an den Werkstoren empfangen“, erzählt Horst Neumann. Durch die Leninhalle seien Rotarmisten patrouilliert. „Wir haben mit Hämmern auf die Schraubstöcke geschlagen. Den Lärm vergesse ich nicht.“ Erst einen Tag später nehmen die Waggonbauer die Arbeit wieder auf. Die „Rädelsführer“ sitzen längst hinter Gittern.

Die Akten des Rates der Stadt dokumentieren, wie die SED versucht, das Ereignis zu verarbeiten – bürokratisch. Der 17. Juni soll in Görlitz einen Gesamtschaden von 328 457 Mark und 83 Pfennig verursacht haben, inklusive des zerdepperten Stalinbildes für 34 Mark. Die FDJ beschwert sich über ein Paar entwendeter Turnschuhe. Für all das wird die Tätigkeit „faschistischer Provokateure“ verantwortlich gemacht. Zwei Generationen ostdeutscher Schüler werden diese Worte lernen müssen. „Wir haben nie wieder darüber gesprochen“, sagt Horst Neumann, „einfach zu gefährlich.“ Später hatte er 35 Kollegen unter sich, vier seien bei der Stasi gewesen, mindestens. Und der letzte SED-Parteisekretär hat es bis zum Bombardier-Manager gebracht.

Wohl auch deshalb ist die Erinnerung an den Tag für manche aus dem Waggonbau zu einem Trauma geworden. Bald verschärft die SED den Kurs. Im Waggonbau werden bewaffnete, parteitreue Zellen gegründet, Stasi und SED knüpfen das Netz der Überwachung immer enger. Der Aufstand aber bleibt ein Menetekel. Fortan weiß die Partei, worauf ihre Macht ruht – auf den starken Armen der Schlosser jedenfalls nicht.

Die Akten im Ratsarchiv belegen, wie sehr das Regime in den Wochen nach dem Aufstand vor allem auf eine möglichst gute Versorgung der Bevölkerung achtet. „Kartoffeln ohne Schwierigkeiten, Butter zusätzlich zehn Tonnen aus Dresden eingetroffen.“ Nur bei Kunsthonig und Marmelade hapert es. Horst Neumann erzählt, was ihm am 19. Juni 1953 in der Kantine widerfuhr: „Da lagen plötzlich Ölsardinen. Ölsardinen, ich liebe Ölsardinen“, wiederholt er, als könne er es bis heute nicht fassen.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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