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Gesetzesinitiative: Neue Hoffnung für die Opfer der Telefon-Abzocker

exklusivWenn das Telefon klingelt, kann es teuer werden. Abzocker preisen Gewinnspiele an und entlocken den Opfern Kontodaten. Die FDP spricht von einer „Sauerei“ und will schärfere Gesetze. Wir dokumentieren einen Musterfall.

Eine Frau hält einen Telefonhörer in der Hand: Die Telefon-Abzocke ist in Deutschland weit verbreitet. Quelle: dpa
Eine Frau hält einen Telefonhörer in der Hand: Die Telefon-Abzocke ist in Deutschland weit verbreitet. Quelle: dpa

BerlinLieselotte Bermann (Name wurde vor der Redaktion geändert) ist geschockt. Am Morgen sortiert sie ihre Post. Ihre Miene verfinstert sich, als sie einen Brief der Proinkasso GmbH aus Neu-Isenburg öffnet. In dem Schreiben wird die 76-jährige Dame ultimativ aufgefordert, einen Betrag von 224,21 Euro zu überweisen. „Unser Mandant (CSS Kontor GmbH) hat uns bevollmächtigt, die unten aufgeführte und gemahnte Forderung aus Ihrer Anmeldung zum Gewinnspieleintragungsservice „Premium Direkt – Gewinnspieleintragungsdienst“ einzuziehen“, heißt es in dem Zwei-Seiten-Brief, der Handelsblatt Online vorliegt.

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Bermann weiß nicht, wie ihr geschieht. Von einem Gewinnspieleintragungsservice ist ihr nichts bekannt. Dunkel erinnert sie sich an ein Telefonat, dass sie vor kurzem geführt hat. Ob der Vorgang wohl damit zu tun hat?

Als Bermann sich informiert, mit Bekannten spricht, dämmert es ihr. Ja, da war dieses eine Telefonat mit einer Frau, die sehr schnell gesprochen hat, die deshalb auch nur schwer zu verstehen war. Es ging wohl um einen Spiel und um Gewinne. Und vor allem darum, mit ihr einen Datenabgleich zu machen, ihre Kontonummer gegen zu checken. Das Telefonat dauerte nicht lange. Bermann dachte sich nichts dabei. Und vor allem dachte sie nicht ernsthaft daran, sich jetzt zu irgendwelchen Zahlungen verpflichtet zu haben. Was die alte Dame erlebt hat, ist keine Seltenheit.

Gewinnversprechen EuGH verbietet dreiste Werbemasche

Die Richter haben Gewinninformationen untersagt, die in Wahrheit Kosten verursachen.

Die Beschwerden bei der Bundesnetzagentur häufen sich, vor allem bei Gewinnspiel- und Gewinnspieleintragungsdiensten. Allein zwischen September 2009 bis Juni 2010 meldeten sich über 80.000 Betroffene bei der Behörde.

Die Masche der Telefonabzocker ist immer dieselbe. Und auch, dass hinterher ein Inkasso-Unternehmen mit dem Eintreiben von Forderungen beauftragt wird. Die Proinkasso GmbH, die im Fall Bermann aktiv wurde, ist allerdings schon vom Markt verschwunden. Die dubiosen Methoden führten zunächst dazu, dass das Unternehmen aus dem Zentralverband Bund Deutscher Inkassounternehmen ausgeschlossen wurde. Wenige Jahre später folgte die Pleite. Im Juni 2011 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet.

(Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Artikels fehlte der Hinweis auf die Insolvenz der Proinkasso GmbH. Wir bitten dies zu entschuldigen. Der Fall Bermann hat jedoch nicht an Aktualität verloren. Daher wurde ihre Geschichte als exemplarisches Beispiel für die Machenschaften der Telefonabzocker genommen.)

Bevor sich überhaupt ein „Geschäft“ konkret anbahnt, wird der Betroffene bereits von einem Call-Center angerufen, wobei bei diesem ersten - nicht aufgezeichneten - Gespräch schon der Eindruck erweckt wird, es bestehe bereits eine Geschäftsbeziehung und man müsse die Daten vergleichen oder korrigieren. Beim zweiten - diesmal aufgezeichneten - Anruf erfolgt dann ein Datenabgleich, bei dem die vollständigen Bankdaten entlockt werden. Zu direkten Abbuchungen kommt es aber nicht. Die Leute erhalten in der Regel eine gesonderte Rechnung. So auch Lieselotte Bermann.

Die Tricks der Abzocker

  • Wie gehen die unseriösen Anbieter vor?

    Gerne bieten Betreiber halbseidener Internetseiten Dinge an, die es auf seriösen Webseiten umsonst gibt: SMS, Gewinnspiele, Kochrezepte und der Download kostenfreier Software, Hausaufgabenhilfe oder Hilfe für die theoretische Führerscheinprüfung. Bevor Verbraucher die Angebote nutzen können, müssen sie ihre persönlichen Daten angeben - die Falle schnappt zu. Per E-Mail oder per Post meldet sich der Anbieter bei seinem „Kunden“ und verlangt viel Geld für das angeblich abgeschlossene Geschäft.

  • Wie werden die anfallenden Kosten verschleiert?

    Dass Kosten anfallen werden, kann der Verbraucher vorher meist nur aus dem Kleingedruckten in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder als schlecht lesbare Fußnote am Ende der Webseite erfahren. Verbraucherschützer raten zwar schon seit Jahren, in einem solchen Fall Ruhe zu bewahren, der Forderung zu widersprechen und auf keinen Fall zu zahlen. Doch eingeschüchtert von Mahnungen, Anwaltsbriefen und Inkassoschreiben zahlen viele Verbraucher doch.

  • Womit sollen Kunden vor Abofallen geschützt werden?

     Das neue Gesetz soll diese Masche ins Leere laufen lassen. Unternehmen müssen ihre Internetkunden künftig über den Gesamtpreis ihrer Bestellung eindeutig informieren, und zwar unmittelbar vor dem Absenden der Bestellung. Ein rechtsverbindlicher Kaufvertrag kommt fortan nur noch dann zustande, wenn der Verbraucher ausdrücklich per Klick auf einen Warnknopf bestätigt hat, dass er um die anfallenden Kosten weiß. Der Button muss eindeutig gekennzeichnet sein. Die Bundesregierung schlägt hier die Formulierung „zahlungspflichtig bestellen“ vor.

  • Was bedeutet die Neuregelung für Internethändler?

    Für Unternehmen, die Waren im Internet anbieten, bedeutet dies, dass sie ihren Onlineshop entsprechend der Vorgaben des Gesetzes umgestalten müssen. Nach Schätzung der Bundesregierung kostet die Umstellung ein Unternehmen im Schnitt 150 Euro. Alle knapp 280.000 Online-Händler in Deutschland zusammengefasst entstehen der Wirtschaft damit einmalige Kosten von etwa 41,5 Millionen Euro. In Einzelfällen könne der

    Mehraufwand dazu führen, dass ein Anbieter seine Preise anhebt, vermutet die Regierung. Auswirkungen auf das gesamte Verbraucherpreis-Niveau seien aber keine zu erwarten.

Dass sie jetzt mit dem Vorgang nichts mehr zu tun haben will, dass sie sie über den Tisch gezogen fühlt, davon will das Inkasso-Unternehmen nichts wissen. Das perfide ist, dass das Gespräch zwischen Bermann und dem Gewinnspieleintragungsservice aufgezeichnet wurde und sich die Dame jetzt damit konfrontiert sieht. In dem Brief der Proinkasso GmbH wird unmissverständlich darauf hingewiesen, dass sie bei Erinnerungslücken die Möglichkeit der Prüfung habe. „Wir stellen Ihnen Ihre telefonische Anmeldung als Tondatei zur Verfügung.“ Hinterlegt ist das Tondokument auf einer Internetseite des Inkasso-Unternehmens.

Handelsblatt Online hat den Anruf abgehört.

Ton-Dokument: Wie ein Abzocke-Gespräch abläuft

Inhaltlich deckt sich das Gespräch mit den Angaben der Inkasso-Firma. In dem Brief wurde beispielhaft ein aufgezeichnetes Gespräch in Textform beigefügt. Das Original-Telefonat findet in schnellem Tempo statt. Der Name des Gewinnspielservices ist kaum zu verstehen. Dem verbraucherschutzpolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Erik Schweickert, ist dieses Vorgehen wohl bekannt. „Das ist sicherlich so gewollt, damit sich der Angerufene schwer tut, einen untergeschobenen Vertrag zu erkennen“, sagte Schweickert Handelsblatt Online. Üblicherweise würden Betroffene auch auf Kündigungsfristen bzw. Widerspruchsmöglichkeiten und -fristen nicht hingewiesen.

  • 26.11.2012, 11:00 UhrWolfsfreund

    "Ja, da war dieses eine Telefonat mit einer Frau, die sehr schnell gesprochen hat, die deshalb auch nur schwer zu verstehen war. Es ging wohl um einen Spiel und um Gewinne. Und vor allem darum, mit ihr einen Datenabgleich zu machen, ihre Kontonummer gegen zu checken. Das Telefonat dauerte nicht lange. Bermann dachte sich nichts dabei."
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    Wer auf diese Masche hereinfällt, hat es nicht anders verdient! Das gleiche gilt auch für Spam-Mails. Ein 3-facher Spam- resp. Junk-Filter sortiert so einen Müll bei mir gleich aus: Ab in die Tonne, fertig. Da wird nicht einmal hineingeschaut...

  • 26.11.2012, 11:14 UhrMerkur

    Ihr Kommentar zeigt - wieder mal - die Mentalität der jüngeren Leute. Stellen Sie Sich doch mal die angesprochene ältere Dame vor, die vielleicht noch dazu schlecht hören kann.
    Die wird doch am Telefon geradezu überfahren und versteht - in doppelter Hinsicht - gar nicht, worum es in dem Telefonat geht.
    Die Abzocker suchen sich immer die schwächeren aus, um sie auszunehmen; und es ist m. E. Aufgabe des Gesetzgebers, diese Leute davor zu schützen. Doch leider geht es in der Politik meistens nicht darum, den Leuten zu helfen, sondern für die eigene Partei und natürlich für mich einen Vorteil zu erlangen und wenn möglich dem Gegenpart (das muss nicht die opposition sein; der Koalitions"partner" ist hier ebenso wichtig, damit ich mich abgrenze und beim Wähler bekannt und beliebt mache) Zugeständnisse abzuringen; also quasi die Butter vom Brot zu nehmen.

  • 26.11.2012, 11:22 Uhrpetervonbremen

    So Gott es will, werden auch Sie mal 75 oder 80 oder noch älter. Mal sehen, ob Sie dann auch noch solche vollkommen gedankenloses Kommentare, wie es der Ihre ist, gut fänden.

    - Eigentlich verstehe ich das Problem auch gar nicht. - Ein Gesetz, welches von vornherein einen Vertrag ausschließt, sofern ich angerufen werde, dürfte ja auch für lebensfremde deutsche Politiker ohne Lücken zu formulieren sein, oder? - Wenn ich irgendwo anrufe und etwas bestelle ist dies ja etwas ganz anderes. - 2. Ich dachte immer, das Tonbandaufzeichnungen von Gesprächen als nicht existent gelten, so ich meine Zustimmung nicht gegeben habe.

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