Gespräch mit Peer Steinbrück
„Die Inflation wird uns lange beschäftigen“

Finanzminister Peer Steinbrück geht davon aus, dass die weltweite Teuerung auch Deutschland noch einige Zeit beschäftigen wird. Im Handelsblatt-Interview spricht der Minister über Abwährtsrisiken, die Lehren aus den 70er-Jahren und die Probleme deutscher Banken.

Herr Steinbrück, Altkanzler Helmut Schmidt hat einmal die These aufgestellt, dass fünf Prozent Inflation besser seien als fünf Prozent Arbeitslosigkeit. Was halten Sie davon?

Diese These ist immer umstritten gewesen. Die Inflation ist ein Problem. Sie entwertet Vermögen, und sie trifft insbesondere diejenigen, die ein dünnes Portemonnaie haben. Sie ist daher auch ein soziales Problem, und ich würde sie nie ausspielen wollen gegen das andere große Problem, die Arbeitslosigkeit.

Am Wochenende haben Sie die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank kommentiert. Solche Sätze haben Sie sich bisher verkniffen.

Wir haben Konjunkturrisiken, deshalb kam von mir der Hinweis, dass die EZB in ihrem Abwägungsprozess sicher auch eins bedenken werde: Eine Zinserhöhung kann ambivalente Wirkungen haben, indem sie bei der Inflationsbekämpfung hilft, aber womöglich einen Abwärtsswing der Konjunktur verstärken könnte. Hinzu kommt, dass sich die Schere zwischen der Zinsentwicklung in Europa und den USA weiter öffnet und den Aufwertungsdruck des Euros zum Dollar tendenziell verstärkt. Trotz dieser Hinweise können Sie sicher sein, dass ich die Unabhängigkeit der EZB weiter bis zu meinem letzten Blutstropfen verteidigen werde. Daher fand ich es eher merkwürdig, mit wem ich da in einen Topf geworfen wurde.

In Union und SPD grübelt man, wie den Bürgern wegen der hohen Inflation mit Steuersubventionen geholfen werden kann. Wie wollen Sie das verhindern?

Indem ich für eine Langfrist-Orientierung werbe. Wenn ich jetzt anfangen würde, die Energiepreise zu subventionieren, was mache ich dann bei weiter steigenden Ölpreisen? Muss ich dann immer mehr subventionieren? Bei 150 Dollar das Barrel wieder? Und dann bei 190 Dollar. Das ist dann wie ein Hase-und-Igel-Rennen, das Sie nie gewinnen können. Statt über kurzfristige Trostpflaster zu debattieren, müssen wir darüber reden, wie die Energieeffizienz verbessert werden kann und wir uns über alternative Strategien unabhängiger von Energieimporten und damit der Preisentwicklung auf den Energiemärkten machen. Ob mit Blick auf die wirklich sehr Bedürftigen Sozialkomponenten entwickelt werden müssen – das Wohngeld haben wir gerade erhöht –, will ich nicht ausschließen.

Welche könnten das sein?

Es macht keinen Sinn, die Debatte mit unausgegorenen Stichworten anzuheizen.

Wie wäre es mit einer Atomstromsteuer oder Sonderabgaben für Energiekonzerne, die Ihre Parteifreunde vorschlagen?

Davon halte ich nicht viel, weil sich daraus ja Strompreissteigerungen – auch für die Wirtschaft – ergeben.

Eine Entlastung auf breiter Front wird es also nicht geben?

Ich halte es für falsch zu glauben, man könnte sich weltweiten Nachfrageentwicklungen national entgegenstellen. Das wird uferlos. Das zerreißt mir den Haushalt.

Ist die Inflation eigentlich ein kurzfristiges oder eher ein dauerhaftes Problem?

Ich fürchte, dass das Thema der weltweiten Inflationsentwicklung uns über einige Zeit beschäftigen wird. Die Nachfrage von 1,5 Milliarden Chinesen und einer Milliarde Inder nach Öl und Nahrungsmitteln wird hoch bleiben. Wir Europäer müssen uns damit beschäftigen, ob der weltweite Wohlstand nicht neu verteilt wird – auch und gerade zugunsten derjenigen, die Rohstoffe anbieten und dadurch erhebliche Währungsreserven anhäufen können. Zu glauben, man könnte diesem strukturellen Anpassungsdruck entgehen, indem man versucht, die Preissignale über Subventionen zu dämpfen, ist ein fataler Irrtum.

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