Gesundheitsausgaben
Gesetzliche Krankenkassen machen Milliarden-Überschuss

Die gesetzlichen Krankenkassen haben im zweiten Quartal ihren Überschuss deutlich erhöht. Damit steigt der Spielraum für Beitragssenkungen. Arbeitgeber und Wirtschaftspolitiker machen bereits Druck.
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BerlinDie gesetzlichen Krankenkassen haben ihren Überschuss dank der guten Konjunktur und der Einsparungen bei Medikamenten im zweiten Quartal stark ausweiten können. Im Vergleich zu den ersten drei Monaten wuchs das Plus um rund 950 Millionen Euro auf 2,4 Milliarden Euro an, wie das Gesundheitsministerium am Montag in Berlin mitteilte. Dies ist mehr als 20 Mal so viel wie vor einem Jahr. Damals lag der Überschuss zum Halbjahr lediglich bei 112 Millionen Euro.

Von Januar bis Juni standen den Einnahmen in Höhe von 91,7 Milliarden Euro Ausgaben im Umfang von 89,3 Milliarden Euro gegenüber. Die höchsten Überschüsse verbuchten die beiden großen Krankenkassenarten AOK und Ersatzkassen mit 971 respektive 954 Millionen Euro. Die Betriebskrankenkassen sind mit 221 Millionen Euro im Plus, die Innungskrankenkassen mit 156 Millionen und die Knappschaft-Bahn-See mit 98 Millionen Euro. Die positive Entwicklung gebe einer Reihe von Krankenkassen die Möglichkeit, Finanzreserven aufzubauen, teilte das Ministerium mit.

Grund sind vor allem die um 6,3 Prozent gesunkenen Ausgaben für Arzneimittel. Im Zuge eines Sparpakets der schwarz-gelben Regierung müssen die Pharmahersteller seit August 2010 einen Preisabschlag von 16 Prozent hinnehmen. Erneut mehr zahlen mussten die Kassen dagegen für Krankenhausbehandlungen. Hier betrug der Anstieg 4,6 Prozent. Auf das Gesamtjahr hochgerechnet betrage der Zuwachs damit 2,5 Milliarden Euro, teilte das Ressort von Minister Daniel Bahr mit. Einer Faustformel zufolge macht dies etwa 0,25 Beitragssatzpunkte aus. Für ambulante ärztliche Behandlungen mussten die Kassen 2,3 Prozent mehr aufwenden, für
Früherkennungsmaßnahmen 5,2 Prozent. Die Ausgaben für das Krankengeld stiegen erneut um 9,6 Prozent.

Das Ministerium betonte, die guten Zahlen im ersten Halbjahr ließen noch keine Rückschlüsse auf die Höhe des Überschusses zum Jahresende zu. So seien die Ausgaben in der ersten Jahreshälfte regelmäßig niedriger als in der zweiten. Im zweiten Halbjahr 2010 etwa seien rund 1,5 Milliarden Euro mehr ausgegeben worden als in den sechs Monaten davor. Das vergangene Jahr hatte die gesetzliche Krankenversicherung am Ende mit einem Minus von 445 Millionen Euro abgeschlossen.

Auch der Gesundheitsfonds, aus dem die Kassen ihr Geld nach einem bestimmten, festgelegten Schlüssel zugeteilte bekommen, fuhr zur Jahresmitte einen Überschuss von 460 Millionen Euro ein. Der Fonds speist sich aus Beitragseinnahmen und Steuerzuschüssen. Das Plus dürfte noch steigen, da zum Ende des Jahres die Einnahmen durch Weihnachtsgeldzahlungen höher sind.

Unter dem Strich erwarten die Experten des GKV-Schätzerkreises Ende 2011 eine Rücklage des Fonds von fast sieben Milliarden Euro. Davon ist der größte Teil jedoch verplant: Drei Milliarden werden für die gesetzliche Mindestreserve und zwei Milliarden Euro für den Sozialausgleich in den Jahren 2012 bis 2014 benötigt. Die übrigen zwei Milliarden sind noch nicht verplant und wecken Begehrlichkeiten: Kassen, Wirtschaftspolitiker und Arbeitgeber haben gefordert, den Beitragssatz von 15,5 Prozent zu senken.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Man könnte die Gesundheitskosten echt senken, wenn man zu Ehrlichkeit zurück kehrt.

    JEDER der krank ist, hat Mist gebaut, wann auch immer. Also soll er auch dafür zahlen. Und wer auf sich und seinen Körper achtet, sollt belohnt werden.

    sorry, ist leider extrem mies für Pharma Geschäft
    ca 90% weniger Kosten / Umsatz

  • @ Die_Anderen_sinds_nicht_immer,
    ich muss korrigieren:
    Neben den Krankenkassen wurde vom Gesetzgeber der "Gesundheitdsfons" eingerichtet. Unbeschadet eines "erweiterten Beitragskarussells" sind ca 3 Mrd als "Puffer" einzubehalten. Nach einem Volumen in Höhe ca 4,2 Mrd wurde der Überschuss jedoch nicht zurück überwiesen, sondern einfach (für schlechte Zeiten?) einbehalten. Das wiederum ist ziemlich genau der Betrag, den die Pflichtversicherten als Zusatzbeitrag bei etlichen Kassen zu zahlen haben.
    Der "neue" Überschuss ist hier nicht berücksichtigt.
    Versichertenbetrug - aber sicher. Nur gesetzlich gewollt.
    Weiter; als gut eingestellter Chroniker musste jährlich zur Kontrolle. Immer noch gut eingestellt muss ich aktuell jedes uartal zur Kontrolle.
    Ein Schelm wer glaubt, dabei wären MEINE Interesse von Interesse gewesen.

  • Zustimmung. Die Verw.-Kosten sind bei den gesetzl. wirklich minimal. Könnten aber trotzdem noch gesenkt werden, wenn der aufgeblähte "obere Apparat" noch etwas zusammen geschmolzen würde.
    Was die vielen Krankenhaus behandlungen betrifft, muß man auch mal Ärzte ein wenig an die Kette legen, die z. B. im Notdienst immer gleich den Krankenwagen bestellen. Dies nur, um Verantwortung von sich weg zu schieben.
    Und ja, das Anspruchsdenken ist erheblich. Hier müßten Mechanismen her und das könnte man auch machen
    Hinzu kommt, dass unsere Politiker sich endlich einmal ehrlich über die falsche Zuwanderung äußern müßten, die sind nämlich alle versichert auf unsre Kosten.
    Und eine weiter große Einsparung wäre, die Auslandsverträge kündigen, die ohne das Wissen von uns getätigt wurden. Wir versorgen die halbe Welt mit ärztlichen Leistungen

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