Gesundheitsbehörde weckt Befürchtungen
Kassen fürchten Staatsmedizin

Die gesetzlichen Krankenkassen und der Gemeinsame Bundesausschuss haben die Bundesregierung davor gewarnt, in Zukunft den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen durch eine neue staatliche Behörde festlegen zu lassen.

BERLIN. „Bislang hat die Politik nicht bewiesen, dass sie besser über den Leistungskatalog wachen kann als die Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen“, sagte die Vorstandsvorsitzende des Verbands der Angestelltenkrankenkassen, Doris Pfeiffer, dem Handelsblatt. Der Chef des Bundesausschusses, Rainer Hess, sieht die Gefahr permanenter Konflikte vor den Gerichten um einzelne Kassenleistungen, sollte die Bundesregierung ihre Pläne in die Tat umsetzen.

Die Kritik entzündet sich an der Absicht der Koalition, statt der bisher von der Selbstverwaltung gewählten ehrenamtlichen Mitglieder in Zukunft hauptamtliche, vom Gesundheitsministerium bestimmte Experten an die Spitze des Bundesausschusses zu setzen. Sie würden dann in Zukunft statt der Selbstverwaltungsvertreter im Ausschuss darüber entscheiden, ob neue Medikamente oder Therapien in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden. Eine Sprecherin von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) bestritt, dass dies automatisch zur Entstehung einer neuen Überwachungsbehörde führen würde. „Das ist nicht unsere Absicht“, sagte sie.

Dem widersprachen die Kassen. „Nach der Rechtsprechung der obersten deutschen Gerichte darf der Bundesausschuss derzeit nur deshalb als eine Art Ersatzgesetzgeber über den Leistungskatalog entscheiden, weil seine Mitglieder durch Wahlhandlungen legitimiert sind“, sagte Pfeifer. Fiele diese Voraussetzung weg, müsste dieser Rechtsprechung zufolge der Ausschuss zwangsläufig in eine Behörde umgewandelt werden. „Genau das sagen uns auch die Fachleute im Ministerium“, sagte Pfeiffer.

Hess warnte, dass eine solche Behörde sachfremden Erwägungen bei der Festlegung des Leistungskatalogs Tür und Tor öffnen würde. Als Beispiel führt er die jüngste Entscheidung des Bundesausschusses an, teure Kunstinsuline aus dem Leistungskatalog zu streichen. „Wir waren während des Entscheidungsverfahrens massivem Druck der Wirtschaftsminister einiger Bundesländer ausgesetzt, auf den Ausschluss der Insulinanaloga im Interesse der Industrie zu verzichten“, sagte Hess. „Ich fürchte, dass die Politik in vergleichbaren Fällen nicht so standhaft wäre wie wir.“

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