Gesundheitsbranche
Demografie als Wachstumsmotor

Bis 2050 könnte sich die Zahl der Pflegebedürftigen auf 4,5 Millionen verdoppeln - eine Herausforderung für die Politik, aber auch eine Chance für die Gesundheitsbranche. Denn für Pflegedienstleister dürfte die Demografie zum Milliardengeschäft werden. Gebremst werden kann der Boom eigentlich nur noch durch zwei Faktoren.
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BERLIN. Kein Wirtschaftsbereich wächst derzeit schneller und ist weniger krisenanfällig als die Gesundheits- und Pflegebranche. Mit 4,6 Millionen Beschäftigten hat das Gesundheitswesen als Arbeitgeber klassische Branchen wie die Auto- und Elektroindustrie längst überrundet. Seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 wuchs nach einer Untersuchung des Wifor-Instituts der TU Darmstadt die Zahl der Beschäftigten allein in der Pflegebranche um 50 Prozent auf über eine Million. Neue Modellrechnungen des Statistischen Bundesamts belegen nun, dass sich dieser Trend wegen der Alterung der Bevölkerung in Zukunft noch verstärken wird.

Schon bis 2020 wird demnach die Zahl der Pflegebedürftigen im Vergleich zum Basisjahr der Modellrechnung 2007 um 700 000 auf 2,9 Millionen steigen. Bis 2050 droht sogar eine Verdoppelung auf dann 4,5 Millionen Pflegebedürftige. Von ihnen werden 78 Prozent 80 Jahre und älter sein, statt heute 54 Prozent. Damit ist vor allem das Anwachsen der Gruppe der Hochbetagten für den rapiden Anstieg der Nachfrage nach Pflegeleistungen verantwortlich.

Bei ihren Berechnungen gehen die Statistiker davon aus, dass zum Beispiel die über 80-Jährigen in Zukunft genauso oft auf Pflegehilfe angewiesen sein werden wie heute. Viele Wissenschaftler bezweifeln das allerdings inzwischen. Sie erwarten, dass angesichts der weiter steigenden Lebenserwartung die Menschen in Zukunft gesünder altern werden als heute. Doch auch dies würde nach einer zweiten Modellrechnung, die die Statistiker gestern vorlegten, das Problem kaum entschärfen. Sollte die These stimmen, würden 2050 immer noch 3,8 Millionen auf Pflegehilfe angewiesen sein, 1,6 Millionen mehr als heute.

Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wird im alternden Deutschland nicht ganz so stark wachsen. So wird die Zahl der Krankenhauseinweisungen bis 2030 nach den Modellrechnungen nur um acht Prozent auf 19,3 Millionen wachsen. Stimmt die These, dass die Alten in Zukunft länger fit bleiben, könnten es sogar nur 18,3 Millionen werden. Für die Kliniken bedeutet dies dennoch einen gewaltigen Umbruch. Während sie Neugeborenenstationen schließen können, müssen sie ihre Abteilungen für Herz- und Kreislauferkrankungen und Krebs ausbauen, denn hier wird es mit bis zu 26 und 17 Prozent die höchsten Zuwächse geben.

Die Demografie wird damit für die Gesundheits- und Pflegebranche immer mehr zum Wachstumsmotor werden. Gebremst werden kann der Boom eigentlich nur noch durch zwei Faktoren: den bereits heute drohenden Fachkräftemangel und die chronische Geldknappheit bei den Hauptfinanzierern, den Kranken- und Pflegekassen.

Jeder dritte Betrieb hält nach einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) bereits jetzt den Fachkräftemangel für das größte Risiko. Bei den Gesundheits- und Pflegedienstleistern sind es sogar 56 Prozent. "Die Gesundheitswirtschaft darf als Beschäftigungsmotor nicht ausgebremst werden", fordert DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. Er setzt neben attraktiveren Arbeitsbedingungen auch auf gezielte Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland. Hier sei die Politik in der Pflicht, sagte der DIHK-Chef.

Sie muss sich auch der zweiten Herausforderung stellen: Der Boom muss finanziert werden. "Unser Ziel ist es, das Gesundheitswesen durch mehr Wettbewerb und Transparenz so umzusteuern, dass Wachstum und Beschäftigung bei steigenden Gesundheitsausgaben nicht gefährdet werden", sagte dazu jüngst Gesundheitsminister Philipp Rösler. Doch bislang ist in dieser Richtung wenig passiert. Nur ein Versprechen hat Rösler schon eingelöst: Er will die Wirtschaft durch den Anstieg der Gesundheits- und Pflegekosten nicht zusätzlich über höhere Sozialabgaben belasten. Daher soll nach dem Arbeitgeberbeitrag zur Krankenversicherung nun auch der zur Pflegeversicherung eingefroren werden. Stattdessen sollen allein die Versicherten den künftigen Kostenanstieg über Zusatzbeiträge finanzieren. SPD und Grüne fordern einen anderen Weg: Sie wollen die Finanzierungsbasis der Wachstumsbranche Gesundheit durch eine Bürgerversicherung, in die alle Bürger einzahlen, verbreitern.

Kommentare zu " Gesundheitsbranche: Demografie als Wachstumsmotor"

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  • Leider ist der ganze Artikel nicht zu Ende gedacht. Woher soll den das Geld kommen um all die pflegebedürftigen zu versorgen ?
    Wenn pro Arbeitnehmer ein Rentner , ein Asylant, ein beamter zu versorgen ist, wird nicht allzuviel übrig bleiben. Das Versäumnis der Politik und verantwortungsloser Wirtschaftslenker wird die Menschen bald einholen. Ohne ein gesundes Volk wird auch der Staat krank werden.
    Vielleicht war die Absicht des Artikels ja wieder auf den sogenannten "Fachkräftemangel" hinzuweisen, der mehr aus ideologischen Gründen als aus wirtschaftlichem Sachverstand so oft bemüht wird.

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