Gesundheitspolitik Krankenkassen horten Milliarden

Exklusive Berechnungen zeigen: Bald dürften die Krankenkassen Reserven von 20 Milliarden Euro horten. Schon werden Rufe nach Beitragssenkungen laut. Doch der neue Reichtum ist äußerst ungleich verteilt.
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Immer mehr Geld haben die deutschen Krankenkassen übrig. Quelle: dpa

Immer mehr Geld haben die deutschen Krankenkassen übrig.

(Foto: dpa)

DüsseldorfIn der Politik ist eine Debatte über die Verwendung der Milliardenüberschüsse der Krankenkassen entbrannt. Nach Ansicht von Gesundheitsminister Daniel Bahr etwa sollten die Kassen Beiträge an ihre Versicherten zurückerstatten: „Eine Prämie auszuzahlen wäre eine Möglichkeit, den Wettbewerb zu fördern“, ließ er einen Sprecher sagen.

Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft für das Handelsblatt zeigen, dass der Überschuss der gesetzlichen Krankenversicherung sogar noch weiter steigen wird. In diesem Jahr dürfte er sich auf 5,7 Milliarden Euro und 2013 auf 1,8 Milliarden Euro belaufen. Zusammen mit den bis Ende 2011 aufgelaufenen Rücklagen wären dann mehr als 20 Milliarden Euro im Topf – Geld, das eigentlich den Beitragszahlern gehört: Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Deshalb dringt die Wirtschaft auf eine Beitragssenkung: „Die gute finanzielle Situation der Kassen sollte sich auch in Entlastungen für Betriebe und ihre Beschäftigten widerspiegeln“, forderte der Vize-Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Achim Dercks. Eine Beitragssenkung um einen halben Prozentpunkt auf 15 Prozent „wäre durchaus möglich“, sagt IfW-Experte Alfred Boss. Das würde die Versicherten um 5,5 Milliarden Euro entlasten.

Auch der Industrieverband BDI fordert, die Beiträge zu senken: Kassen, die damit nicht auskämen, müssten eben wieder Zusatzbeiträge einführen. Nur so ließen sich der Wettbewerb zwischen den Kassen und die Effizienz des Gesundheitssystems steigern.

Genau dies fürchten allerdings die Kassen mit vielen kranken und alten Versicherten und entsprechend geringen Rücklagen. Denn wenn sie im Falle eines Konjunktureinbruchs Zusatzbeiträge erheben, würden ihnen die Versicherten in Scharen davonlaufen.

Die Milliardenrücklagen der Kassen wecken auch in Berlin Begehrlichkeiten: Aus Regierungskreisen hieß es, Finanzminister Wolfgang Schäuble fordere zwei Milliarden Euro zurück, die der Bund 2011 an den Gesundheitsfonds überwiesen hatte, um sozial Schwachen die Zusatzbeiträge erlassen zu können. Zudem sei geplant, den Bundeszuschuss für versicherungsfremde Leistungen von 14 auf etwa 13 Milliarden Euro zu senken. Axel Schrinner

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8 Kommentare zu "Gesundheitspolitik: Krankenkassen - durchleuchtet und für zu reich befunden"

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  • @666

    Genau so sieht es aus. Das Geld wird bald gebraucht: lieber sicher anlegen. Und in Prävention investieren, rechnet sich.

  • Erschreckend, wie die GKV zuerst durch Subventionen am Leben gehalten und dann plötzlich Forderungen laut werden und alle an die "Rücklagen" wollen. Denkt jemand an die Auswirkungen der Demographie?! Die "Alten" kosten - und davon haben wir bald mehr und die leben auch immer länger! Politik - wie immer nur an der Wiederwahl interessiert! Das dumme Volk fällt auf diese Berichte auch noch voll herein! Jeder denkt halt nur an sich und keiner denkt einfach mal zuende!

  • Carlos - Es ist ein Irrtum das die GK solche Auflagen einfordern. Dafür ist der Gesetzgeber zuständig.(Sozialgesetzbuch)
    Die daraus notwendigen Verfahrensweisen werden durch die Kassenärztliche-Vereinigung weitgehend festgelegt.

  • Es ist schon richtig, dass die Verwaltungskosten in der Größenordnung von 5-6% angegeben werden. Dabei wird allerdings ein wesentlicher Punkt nicht berücksichtigt: dass die Kassen von Krankenhäusern und Ärzten durch ständig neue und immer kompliziertere Vorschriften und bürokratische Verfahren immer höhere Verwaltungkosten zwar nicht bei sich, aber bei den Medizinern und damit im Gesundheitssystem generieren. Diese von den Kassen verursachten bürokratische Kosten sollten transparent gemacht werden. So habe ich die Petition verstanden - und das halte ich für eine gute Sache. Mal ganz davon abgesehen, dass die Mediziner wegen der hohen bürokratischen Aufwände kaum noch Zeit für die Patienten haben

  • Ein Dank an die FDP, vor allem Herrn Bahr!! Nicht immer rumprügeln, sondern wählen!!

  • Und von der Überlastung und der schlechten Vergütung der "Leistungserbringer" im gesetzlichen Gesundheitssystem wird natürlich gar nicht gesprochen

  • JOO - Es sollte Ihnen bekannt sein das die Verwaltungskosten der GK Verwaltungskosten von ca. 5% haben.
    Dies wird von der Aufsichtbehörde auch kontrolliert.
    Bei den PK liegen die Verwaltungskosten zwishen 8% und 12%.

  • Ein großer Teil des Beitragsaufkommens geht bei den Kassen in den immer weiter steigenden Verwaltungsaufwand - hier liegen noch große Potentiale, um die Kassenbeiträge zu senken. Und es ist Transparenz über die Verwaltungskosten notwendig. Der Bundesrechnungshof sollte sich mal um die Kosten der Bürokratie bei den Kassen kümmern. Hierzu gibt es die Petition 21866 unter epetitionen.bundestag.de, deren Mitzeichnung ich für sinnvoll halte https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=21866

    J. Schneider

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