Gesundheitspolitik
Privatpatienten zahlen vier Mal mehr

Die privaten Krankenversicherungen zahlen pro Patient über vier Mal mehr für Laboruntersuchungen als die gesetzlichen Krankenkassen. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des wissenschaftlichen Instituts des PKV-Verbands, die dem Handelsblatt vorliegt. Kritik an der Studie kommt von der Bundesärztekammer.

BERLIN. Als Willi Kunze (Name von der Redaktion geändert) im vergangenen Jahr an einem Freitag kurz nach 18 Uhr mit einer akuten Entzündung des rechten Auges seine Augenärztin aufsuchte, hoffte er nur auf schnelle Hilfe. Die bekam er auch. Die Medizinerin verschrieb ihm zweierlei Tropfen. Zwei Tage später war der Berliner beschwerdefrei. Die Rechnung über etwas über 50 Euro beglich er umgehend und reichte sie bei seiner privaten Krankenversicherung ein.

Seine Augenbeschwerden hatte Kunze längst vergessen, als er rund drei Monate später eine Rechnung in seinem Briefkasten vorfand. Ein medizinisches Labor aus Leipzig verlangte fast 300 Euro von ihm. Nachfragen ergaben, dass seine Augenärztin einen Abstrich von seinem entzündeten Auge zur näheren Begutachtung genau dort hingeschickt hatte, ohne ihn darüber zu informieren.

Kunze fühlte sich abgezockt. Immerhin war er auch ohne die Laboruntersuchung gesund geworden. Ihr Ergebnis der Laboruntersuchung kennt er übrigens bis heute nicht.

Dass Kunze kein Einzelfall ist, vermuten die privaten Krankenversicherungen seit langem. „Wir fühlen uns manchmal regelrecht abgezockt,“ so Stefan Reker, Sprecher des PKV-Verbands. Der Verband hat deshalb jetzt erstmals von seinem wissenschaftlichen Institut die Laborkosten untersuchen lassen. Die Ergebnisse sind schockierend. In den untersuchten Jahren 2004 bis 2006 gaben die privaten Versicherungen pro Patient über vier mal so viel für Laboruntersuchungen aus wie die gesetzlichen Kassen.

Nun zahlen die privaten nach der privatärztlichen Gebührenordnung für ärztliche Leistungen deutlich mehr als die gesetzlichen Kassen. So haben frühere Untersuchungen ergeben, dass die Ärzte mit der Behandlung von Privatpatienten insgesamt etwa 2,5 mal mehr Umsatz machen als mit einem GKV-Patienten. Auch da gehe nicht alles mit rechten Dingen zu, vermutet Reker. Doch bei viereinhalb Mal höheren Kosten sieht der Autor der Studie, Torsten Kessler, schon gute Gründe für den Verdacht, dass viele Laboruntersuchungen bei Privatpatienten schlicht überflüssig sind.

Dafür spricht ein weiterer Befund der Studie: Etwa 80 Prozent der Laborleistungen für Privatpatienten werden danach vom Auftrag gebenden Arzt selbst erbracht. „Ein Schelm, wer schlechtes dabei denkt“, meint Reker. Kunze hat bei seinen Recherchen von einem befreundeten Arzt zudem erfahren, es komme durchaus vor, dass große Laborpraxen Ärzten auch „Aufwandsentschädigungen“ zahlen, wenn sie das Blut oder den Stuhl ihrer Patienten dort untersuchen lassen. „Dass es solche Provisionen gibt, können wir nicht beweisen. Wir würden das deshalb nie behaupten“, sagt dazu Reker.

Doch klagt die PKV, dass der Durchschnittsumsatz pro Labormediziner mit Privatpatienten mit 240 000 Euro im Jahr ein Niveau erreicht habe, dass mit Kostenargumenten kaum zu rechtfertigen sei. Wären die Laborkosten der privaten pro Patient genau so hoch wie die der gesetzlichen Kassen, könnten sie immerhin 722 Mio. Euro im Jahr sparen. Viele Versicherungen ermuntern deshalb inzwischen Versicherte, sich zu weigern, medizinisch unnötige Leistungen zu zahlen und zur Not auch vor Gericht zu ziehen.

Dagegen kritisiert die Bundesärztekammer die Studie als Milchmädchenrechnung. Sie warf am Donnerstag der PKV vor, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, weil sowohl die Vergütungsregelungen als auch die Patientenstrukturen von gesetzlichen und privaten Kassen völlig verschieden seien. Die Kammer wirft im Gegenzug den gesetztlichen Kassen vor, zu wenig für Labormedizin zu zahlen. Dadurch wachse die Gefahr, dass gesetzlich Versicherte nicht die Laborleistungern erhalten, die sie eigentlich brauchten.

Kunze hat übrigens gegen die Rechnung des Leipziger Laborarztes geklagt. Den Prozess hat er verloren. Er hat inzwischen einen neuen Augenarzt. Der hat die Angewohnheit, erst dann ein medizinisches Labor einzuschalten, wenn die von ihm verordneten Medikamente nicht helfen.

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