Gesundheitsreform
Krankenhäuser blasen zum Wettbewerb

Kliniken und Kassen wollen mit der Gesundheitsreform das Versorgungsmonopol der Kassenärztlichen Vereinigungen brechen.

DÜSSELDORF. Nach der parteiübergreifenden Einigung auf eine neue Gesundheitsreform bereiten Krankenhäuser und Kassen den Angriff auf die Kartellstruktur der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vor. Zwar hat sich die CDU/CSU in den Konsensgesprächen dagegen gesperrt, dass Krankenkassen einzelne Ärzte direkt unter Vertrag nehmen dürfen. Krankenhäuser und Kassen sind jedoch zuversichtlich, dass sie gemeinsam auch mit Hilfe anderer Elemente der geplanten Reform für erheblich mehr Wettbewerb im System sorgen können.

„Der Einstieg in den Ausstieg aus einer reglementierten Gesundheitswirtschaft ist erreicht“, gibt sich Heinz Lohmann, Vorstandssprecher des Klinikverbunds LBK Hamburg, zuversichtlich. Damit liegt er auf einer Linie mit dem Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Jörg Robbers (siehe Interview). Herbert Rebscher, Vorstandschef des Ersatzkassenverbandes VdAK, versichert: „Wir werden alles daran setzen, die neuen Spielräume für eine engere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung mit Leben zu erfüllen.“

Bisher sind die Bereiche der 117 000 niedergelassenen Kassenärzte und der 2 200 Krankenhäuser rechtlich strikt getrennt. Ohne Zustimmung der KV dürfen Krankenhäuser keine ambulante Behandlung anbieten. Nun aber zeichnen sich jenseits des Streits um Zuzahlungen und Beitragssätze neue Wege ab, wie Ärzte aus der KV-Struktur ausscheren und etwa mit Krankenhäusern kooperieren können.

Eine Hauptrolle spielt dabei die geplante neue Institution des „Medizinischen Versorgungszentrums“. Sie beinhaltet offenbar weit mehr Wettbewerbspotenzial als vermutet: „Jeder der will, kann künftig mit zur Versorgung zugelassenen Anbietern ein solches Versorgungszentrum bilden – also mit Ärzten, Krankenhäusern und nichtärztlichen Anbietern wie Krankengymnasten“, erläutert ein Experte im Berliner Sozialministerium. Einzige Bedingung: Es darf keine Überversorgung entstehen. In bereits heute überversorgten Gebieten wie Berlin oder Hamburg müssten daher die dort niedergelassenen Mediziner aus dem bisherigen Kollektivvertragssystem herausgekauft werden. Im Ministerium ist man aber zuversichtlich, dass es eine Reihe von Kassenärzten gibt, die lieber heute als morgen ihrer KV den Rücken kehren würden.

In Regionen mit zu wenigen Arztpraxen, wie es sie vor allem im Osten gibt, könnte ein Anstellungsverhältnis an einem der neuen Zentren gerade für junge Ärzte ein interessanter Berufseinstieg sein – das ökonomische Risiko der eigenen Praxis bliebe ihnen zunächst erspart. Alternativ können die Zentren auch Kooperationsverträge mit Ärzten schließen, die eine bestehende eigene Praxis weiterführen wollen.

Dass dabei die Manager-Rolle vor allen auf örtliche Krankenhausträger zulaufe, liege auf der Hand, sagt der Experte. In den Reformgesprächen hat sich vor allem Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) dafür stark gemacht. Er will angesichts des drohenden Ärztemangels im Osten die Idee der alten DDR-Polikliniken wiederbeleben. Die KVen hingegen sollen keine Rolle spielen. Jeder Arzt soll frei entscheiden, ein Vetorecht der KV wird es nicht geben, darüber bestand bei den Gesprächen Einigkeit. Dagegen wird die Rolle der Kassen gestärkt – sie entscheiden, ob und mit welchem Betreiber eines Gesundheitszentrums sie Verträge für ihre Versicherten schließen.

Im Verbund mit den anderen Reformelementen – „Teilöffnung“ der Krankenhäuser und „Integrierte Versorgung“ – könnte damit bereits ein echter Strukturwandel beginnen. Lohmann, der mit dem LBK ein Vorreiter bei der Erprobung neuer Vertragsformen mit den Kassen ist, sieht jetzt jedenfalls „die Modernisierer im System“ am Zug: Sie könnten nun „den Beweis antreten, dass neue Vertragssysteme funktionieren – bei hoher Qualität und ohne Explosion der Leistungsmenge“. Dann werde die Politik Vertrauen fassen und weitere Reformen anschließen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung will sich zwar durchaus dem neuen Wettbewerb stellen. „Wir wehren uns aber strikt gegen ein Konzept, indem das Krankenhaus oder die Krankenkasse die alleinige Steuerung übernimmt“, warnt KBV-Chef Manfred Richter-Reichhelm.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%