Gesundheitsreform
Ulla Schmidt erhöht den Druck

Die gesetzlichen Kassen stehen derzeit dopppelt unter Druck: Die Kassen müssen die Kosten in den Griff kriegen, doch wenn sie Zusatzbeiträge verlangen, drohen die Versicherten wegzulaufen. Die Gesundheitsreform treibt die Auslese unter den gesetzlichen Krankenkassen voran.

BERLIN. Die Gesundheitsreform ist erst fünf Monate in Kraft, und immer noch fehlt Geld an allen Ecken und Enden. Um die Löcher im Gesundheitsfonds zu stopfen, hat Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt eine deutliche Aufstockung des Steuerzuschusses auf 25 Mrd. Euro gefordert. Ärzte-Vertreter dagegen haben zuletzt eine Erhöhung der Praxisgebühren oder Prioritätenlisten für die Behandlung ins Spiel gebracht.

Nicht nur Steuerzahlern und Patienten droht Ungemach. Wie sehr die angespannte Finanzlage auch die gesetzlichen Krankenkassen in Bedrängnis bringt, zeigt eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture, die dem Handelsblatt vorliegt. Das Dilemma: Die Kassen stehen unter Kostendruck, doch wenn sie Zusatzbeiträge verlangen, drohen ihnen die Versicherten wegzulaufen. Die Umfrage unter rund 1 000 Versicherten ergibt, dass knapp drei Viertel die Kasse wechseln würden, wenn sie im Monat mehr als zehn Euro zusätzlich bezahlen müssten.

Justin Rautenberg, Geschäftsführer im Bereich Gesundheitswirtschaft bei Accenture, erwartet, dass sich viele gesetzliche Krankenkassen zusammenschließen werden. Der Markt werde sich aufteilen in "Klassen-Kassen" mit klarer Markenstrategie und individualisiertem Angebot sowie "Massen-Kassen" mit stark standardisierten Leistungen.

Mit Inkrafttreten der Gesundheitsreform am 1. Januar 2009 zahlen Versicherte einen Einheitssatz an den Gesundheitsfonds. Der verteilt die Einnahmen unter den Krankenkassen - und zwar nicht als einheitliche Kopfpauschale, sondern gemäß des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs, kurz Morbi-RSA. Dieser staffelt die Pauschalen nach Alter und Geschlecht und gewährt Zuschläge für ausgewählte Krankheiten.

"Das ist ein Paradigmenwechsel", sagt Klaus Greppmeir, Hauptgeschäftsführer des NAV-Virchow-Bundes, dem Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands. Krankenkassen müssten sich mehr um die Versorgung kümmern: "Und das kann für die Versicherten ja nicht verkehrt sein." In das gesamte Gesundheitssystem der Bundesrepublik sei damit mehr Dynamik gekommen.

Holger Stürmann, Healthcare-Experte der Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers (PwC) erwartet gravierende Auswirkungen auf die Krankenkassen: "Es war schließlich auch das politische Ziel der Reform, auf eine Marktbereinigung hinzuwirken." Gab es zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts noch mehr als 1 000 Kassen, so liegt die Zahl nun unter 200. Stürmann erwartet, dass es bald nur noch 50 sein werden.

"Das neue System bevorzugt Größe", bestätigt Bent Lüngen, Geschäftsführer der auf den Gesundheitssektor spezialisierten Beratungsfirma B-LUE Management Consulting. Nun können gesetzliche Krankenkassen auch mit solchen Patienten Deckungsbeiträge erzielen, die chronisch krank sind.

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