Gesundheitssystem
Krankenkassen warnen vor Geheimhaltung bei Arznei-Preisen

Die Pharmaindustrie fordert eine Geheimhaltung der in Deutschland ausgehandelten Preise für neue Medikamente. Das allerdings könnte nach Berechnungen der Krankenkassen zu Mehrkosten in Milliardenhöhe führen.

Die Forderung der Pharmaindustrie nach völliger Geheimhaltung der in Deutschland ausgehandelten Preise für neue Medikamente würde nach Berechnungen der Krankenkassen zu Mehrkosten in Milliardenhöhe führen. Dies geht aus einem internen Kassenpapier hervor, das Reuters am Wochenende vorlag. Es wurde vor dem für Dienstag geplanten Abschluss-Symposium des sogenannten Pharmadialogs zwischen Regierung und Industrie erstellt, bei dem die Forderung von Geheimpreisen Insidern zufolge eine Rolle spielte.

Seit 2011 können Pharmaunternehmen nur noch im ersten Jahr nach Markteinführung einen Preis selbst festlegen. Danach gilt ein mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bis dahin auszuhandelnder, geringerer Erstattungspreis. Dieser wird zwar nicht öffentlich bekanntgegeben, ist aber leicht zugänglich, da er etwa in der Apotheken-Software auftaucht oder weil sich die Marge für Großhändler daran ausrichtet. Durch komplett geheime Preise erhofft sich die Industrie höhere Erlöse im Ausland. Denn in Europa und vielen Ländern der Welt gelten die deutschen Preise als Referenzgröße. Von geheimen Preisen hätten die Kassen keinen Nachteil, argumentiert etwa der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI).

Die Kassen sehen das anders. Die Autoren des Papiers verweisen darauf, dass die bisher öffentlich gelisteten Preise die Basis für die Berechnung der Handelsspannen von Großhändlern und Apotheken sowie die Umsatzsteuer sind. Bleibe der ausgehandelte Preis geheim, würde als Basis der höhere, von der Industrie selbst festgesetzte Preis treten. Dies würde "unmittelbar zu Mehrausgaben für die Krankenkassen" von rund 300 Millionen Euro pro Jahr führen, von 2017 bis 2020 wären dies 1,2 Milliarden Euro. Auch bestimmte Importersparnisse fielen weg, die im Jahr 2015 ebenfalls 300 Millionen Euro an direkten Einsparungen für die GKV ausmachten.

Das Papier verweist zudem auf mittelfristige Kostenanstiege infolge von geheim gehaltenen Preisen. Wenn etwa Ärzte der Preis eines Medikaments nicht mehr bekannt sei, könne er Arzneien "nicht mehr unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit des Arzneimittels" verordnen. Dasselbe Problem entsteht bei der Festlegung des Ausgabenvolumens für Arzneimittel auf Länderebene. Die Kosten werden hier auf 500 Millionen bis 1,95 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Weitere 50 bis 200 Millionen Euro pro Jahr sind den Kassenexperten zufolge zu erwarten, weil die höheren Listenpreise wiederum in nachfolgenden Preisverhandlungen eine Rolle spielen, etwa wenn ein Medikament für eine neue Indikation zugelassen wurde.


Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
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