Gesundheitssystem
Wirtschaft empört über Proteste der Ärztelobby

Forderungen der Ärzte nach einer Listenmedizin, um einen angeblich drohenden Finanzkollaps des deutschen Gesundheitssystems abzuwenden, haben in der Wirtschaft Empörung ausgelöst. Kritik kam auch vom Vorstandschef der KKH-Allianz, Ingo Kailuweit. Er sprach sich für einen effizienteren Einsatz der vorhandenen Mittel aus.

BERLIN. „Es ist geradezu absurd, von einer Unterfinanzierung unseres Gesundheitswesens zu sprechen. Deutschland hat nach Frankreich das zweitteuerste öffentlich finanzierte Gesundheitswesen der Welt“, sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, dem Handelsblatt.

Der Sprecher des Spitzenverbands der Krankenkassen, Florian Lanz, warf den Ärzten Geldgier vor. „Während hunderttausende Angst um ihren Job haben, beschweren sich die Ärzte, dass ein durchschnittliches Honorarplus von zehn Prozent nicht genug sei und fordern zu allem Überfluss auch noch Leistungskürzungen und mehr Zuzahlungen. Da kann man nur noch fassungslos mit dem Kopf schütteln“, sagte Lanz.

Als Folge der Gesundheitsreform sind die Einkommen der Kassenärzte zum Januar um rund vier Mrd. Euro erhöht worden. Ärztepräsident Jörg Hoppe hatte gleichwohl bei der Eröffnung des 112. Deutschen Ärztetages in Mainz vor einer drohenden Unterfinanzierung gewarnt. Er forderte eine Rangfolge bei der Behandlung nach Krankheiten nach schwedischem Vorbild. Im steuerfinanzierten Gesundheitssystem Schwedens werden lebensbedrohliche Erkrankungen vorrangig behandelt, gefolgt von Prävention und Rehabilitation. Zudem beklagte Hoppe, dass Deutschland einen deutlich geringeren Teil seines Bruttoinlandsprodukts für Gesundheitsleistungen aufwende als Schweden.

Hundt wies diesen Vorwurf zurück. Immerhin liege der Anteil der aus Steuern und Beiträgen finanzierten Gesundheitsausgaben in Deutschland um 1,5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt aller OECD-Länder, sagte Hundt. „Statt immer noch mehr Geld ins Gesundheitswesen zu pumpen, muss aller Einsatz darauf gerichtet werden, die zur Verfügung stehenden Mittel besser einzusetzen.“ Dazu müssten Unwirtschaftlichkeiten beseitigt, die ambulante und stationäre Versorgung besser abgestimmt und der Wettbewerb gestärkt werden, forderte der Arbeitgeberpräsident.

Auch der Vorstandschef der KKH-Allianz, Ingo Kailuweit, sprach sich für einen effizienteren Einsatz der vorhandenen Mittel aus. Er beklagte, dass viele Patienten heute nicht nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft behandelt werden. So erhielten drei von vier Migränekranken nicht die richtige Therapie. „Das führt zu einem unnötig langen Leidensweg vieler Patienten und treibt die Kosten sinnlos in die Höhe“, sagte Kailuweit.

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